Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Weiteres

Login für Redakteure

Lehrangebote früherer Semester

Sommersemester 2017

VL:  Komparatistik in der Migrationsgesellschaft

Mi 8-10

In seinen Ausführungen zu dem von ihm in den 1820er Jahren ins Gespräch ge­brachten Begriff der „Weltliteratur“ geht Goethe von Beobachtungen aus, die sich zunächst auf die Zeit Napoleons und die daran anschließenden Jahrzehnte beziehen: „ … die Nationen … hatten zu bemerken, daß sie manches Fremde gewahr worden, in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistige Bedürfnisse hie und da empfunden.“ Die anschließenden Hinweise auf daraus erfolgende „nachbarschaftliche Verhältnisse“ und das „Verlangen, auch in den mehr oder weniger freien geistigen Handelsverkehr mit aufgenommen zu werden“ (Goethe 1830; HA 12: 364) nehmen dann Aspekte vorweg, die sich aktuell (noch) bspw. in den „vier Freiheiten“ des europäischen Binnenmarktes: freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital wiederfinden lassen und auf Prozesse verweisen, die heute unter Stichwörtern wie Globalisierung, Internati­onalisierung und nicht zuletzt Migrationsgesellschaften verhandelt werden. Als ein die Grenzen von Nationalsprachen-, –kulturen und –literaturen überschrei­tender Ansatz könnte Komparatistik hier als eines der zentralen Arbeitsfelder transnationaler Verständigungs- und Kennenlernprozesse erkennbar werden, deren Grenzen und (gemäßigte) Zielvorgaben auch Goethe bereits im Blick hatte, als er 1828 schrieb, „daß nicht die Rede sein könne, die Nationen sollten überein denken, sondern sie sollen nur einander gewahr werden, sich begreifen und, wenn sie sich wechselseitig nicht lieben mögen, sich einander wenigstens dulden lernen.“ (ebd., 363)  Welche Bezugslinien, Ausformungen und ggf. An­gebote komparatistisches Arbeiten im Blick auf die heutigen Migrationsgesell­schaften, namentlich die Gesellschaft in Deutschland, bieten könnte, wird in der Vorlesung ebenso erörtert werden, wie die Erfahrungen und Traditionslinien im Umgang mit Fremdheit, Migration und  Literatur in anderen Ländern. Nicht zu­letzt sollen auch Grenzen und Gefährdungen eines solchen Zugangs unter aktu­ellen politi­schen und sozialen Fragestellungen zur Sprache kommen.

Literatur zur Einführung: Peter V. Zima: Aufgaben und Ziele komparatisti­scher Forschung: Kulturelle Bedingtheit und kulturelle Vielfalt. In: Alois Wier­lacher, Andrea Bogner (Hg.): Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart Weimar: Metzler 2003, S 562-569; Eberhard Scheiffele: Interkulturelle Germa­nistik und Kulturkomparatistik. Konvergenzen, Divergenzen. Ebd., S. 569-576;   Rüdiger Zymner, Achim Hölter (Hg.): Handbuch Komparatistik. Theorien, Ar­beitsfelder, Wissenspraxis. Stuttgart Weimar: Metzler 2013; Ottmar Ette: Lite­ratur in Bewegung. Raum und Dynamik grenzüberscheitenden Schreibens in Europa und Amerika. Weilerswist: Velbrück 2001; ders.: ZwischenWelten­Schreiben. Berlin: Kadmos 2005 (= Überlebenswissen, Bd. 2); Klaus J. Bade: Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München: Beck 2000; Paul Colier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu re­geln müssen. München: Siedler 2014; Peter Burke: Kultureller Austausch. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000; Eva Kushner: The Living Prism. Itinairies in Comparative Literature. Montréal Kingston: McGill-Queen‘s UP 2001; Édouard Glissant: Traité du Tout-Monde. Paris : Gallimard 1997 (dt. 1999).

S:    Analytik und Faszination der Macht in literarischen Texten und im Film

Di 14-16

„Wie geschieht es“, so fragt der Soziologe Heinrich Popitz, „dass wenige Macht über viele gewinnen?“ Er nimmt damit nicht nur das verschlungene und zu­gleich immer wieder faszinierende Phänomen der Machtbildung in den Blick, sondern fragt damit ebenso nach den Ursachen und Wirkungen von Macht wie er die bis heute ungeklärte Frage auswirft: „Was ist Macht?“ Angesichts der anthropologischen wie sozialen, politischen, kulturellen und nicht zuletzt philo­sophischen Bedeutung von „Macht“ nimmt es nicht Wunder, dass auch Schrift­steller und andere Künstler bis hin zu den Autoren von Jugendbüchern sich mit den durch Macht angesprochenen Ungleichheitsverhältnissen (ihrem Zustande­kommen, ihrer Legitimität, ihren Funktionen auch ggf. den Möglichkeiten ihrer Begrenzung, ja ihres Abbaus) gewidmet haben. Dies gilt seit dem 20. Jahr­hun­dert dann auch für den Film. Gerade weil Macht ebenso gut beschreibbar (in Beispielen) wie zugleich in theoretischen Zugriffen unfassbar erscheint, liegt es nahe hier auf literarische Beispiele und andere künstlerische Gestaltungsmög­lichkeiten zurückzugreifen, in denen der personalen Dimension (und ggf. den Versuchungen und Verheerungen) der Macht ebenso nachgegangen wird wie ihren sozialen und eben auch historischen und politischen Konsequenzen. Wir werden dazu im Seminar zunächst eine Reihe historischer Texte lesen, u.a. von Thukydides, Platon und Cicero, aber auch von Machialvelli, Marx, Nietzsche und Canetti; dann einige ausgewählte Szenen aus Shakespeares Stücken bespre­chen, um uns schließlich ausführlicher der Lektüre einiger literarischer Werke zu widmen: Choderlos de Laclos „Les liaisons dangereuses“ (1782)  sowie die dazu vorhandenen Filmadaptionen (1959/1988/1989/1999), Franz Kafka: Das Schloß (1922/1926); Elias Canettis: Die Blendung (1936) und Bessie Heads „A Quest­ion of Power“ (1974). Aus den zahlreichen filmischen Angeboten könnten die Serien „House of Cards“ (2010/2013ff.),  aber auch „Borgen“ (2010-2013) be­arbeitet werden.

Literaturhinweise: Heinrich Popitz: Prozesse der Machtbildung. Tübingen: Mohr 21969; Hannah Arendt: Macht und Gewalt. München: Piper 1970; Niklas Luhmann: Macht. Stuttgart: Enke 1974; Stefan Hradil: Die Erforschung der Macht. Stuttgart u.a.: Kohlhammer 1980; „Macht“. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie Bd. 5, Darmstadt Basel: WBG 1980, Sp. 585-631;  Karl-Heinz Ilting, Karl-Georg Faber: „Macht, Gewalt“. In: Geschichtliche Grundbegriffe Bd. 3. Stuttgart: Klett-Cotta 1983, S. 817-935; Heinrich Popitz: Phänomene der Macht. Tübingen: Mohr 1986 (21999); Michael Mann: Geschichte der Macht 3 Bde., Frankfurt a.M. New York: Campus 1994-2001; Hans- Georg Soeffner, Dirk Tänzler (Hg.): Figurative Politik. Zur Performanz der Macht in der moder­nen Gesellschaft. Opladen: Leske & Budrich 2002;  Michel Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005; Byung-Chul Han: Was ist Macht? Stuttgart: Reclam 2005; Andreas Anter: Theorien der Macht zur Einführung. Hamburg: Junius 2012; 22014; Philip H. Roth (Hg.): Macht. Aktuelle Perspektiven aus Philosophie und Sozialwissenschaften. Frankfurt a.M.: Campus 2016.

S:    „Tristram Shandy“ und der humoristische Roman des 18. Jahrhun­derts

Mi 10-12

Die Frage nach den Bedingungen, unter denen Tristram Shandy, der Erzähler seiner Geschichte, „quite a different figure in the world“ gemacht hätte, und nach den Ursachen, warum es denn anders gekommen ist, führt nicht nur hinein in das Selbstverständnis der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts, son­dern auch zu dessen wundester, verletzlichster Stelle: „that not only the produc­tion of a rational Being was concerned in it“, sondern eben ein „ganzer“ Mensch, der in seiner Leiblicheit ebenso wie in seinen Wissens- und Anerken­nungsbedürfnissen, in seiner Verletzlichkeit ebenso wie in seiner Würde und nicht zuletzt seiner Unvollkommenheit und „schrägen“ Stellung in der Welt in Erscheinung tritt. In der Konzentration auf die nach allen Seiten hin unzu­reichende Geschichte eines Menschen in seiner Zeit hat Sterne dabei nicht nur Zoten und Ulk zusammengestellt, Familien-, Bildungs- und Mentalitätenge­schichte geschrieben, sondern gerade auch die Form des humoristischen Romans auf eine neue, anthropologisch, ästhetisch und damit auch literaturgeschichtlich produktive Stufe gehoben. Dies belegen nicht nur der Erfolg des zwischen 1759 und 1769 publizierten Romans, die schnell erfolgenden Übersetzungen und die daran anschließende Mode und Haltung des „Shandyismus“, sondern auch die Konjunktur und Rezeption der im Roman genutzten Erzählweise eines „ab­schweifenden Erzählers“ sowie die damit verbundenen Möglichkeiten eines hu­moristischen, auf Anthropologie ebenso wie auf Sozialkritik hin auslegbaren humoristischen Erzählens selber. Die Reihe der Autoren und Werke, die sich auf Sterne beziehen, beginnt bei Diderot und Wieland, geht weiter über Wezzel, Jean Paul und E.T.A. Hoffmann und wird später u.a. von den russischen Forma­listen, etwa bei Viktor Sklovskij, aber auch bei Flann O‘ Brien wieder aufge­nommen.  Das Seminar wird sich zunächst einer intensiven Auseinandersetzung mit Ster­nes Text widmen – hierfür sind gründliche Textkenntnisse vorausgesetzt -, auch um einige Rezeptionspotentiale des durchaus auch nach heutigen Maß­stäben noch experimentellen Textes zu erkunden und von hier aus die Form und Funk­tion des im 18. Jahrhunderts in Erscheinung tretenden humoristischen Ro­mans zu bestimmen. Im zweiten Teil werden wir uns dann mit der Rezeption des Werkes und mit den von ihm ausgehenden literarischen Impulsen beschäftigen und diesen im Blick auf Diderot, Wieland und andere Autoren nachgehen.

Literaturhinweise:

Als Arbeitsgrundlage kann immer noch die Ausgabe Laurence Sterne: The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. Ed. by Graham Petrie, with an introduction by Christopher Ricks. Harmondsworth: Penguin Classics 1967 (und öfter) genutzt werden; ebenso natürlich: The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. Drei Bände (inklusive Kommentarband). Herausgegeben von Melvyn und Joan New. Gainsville: University Presses of Florida, 1978–84; Penguin Classics, 2003; dt.: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentle­man. Übersetzt von Michael Walter. 9 Bände. Zürich: Haffmans 1999; Frankfurt a.M.: Eichborn 2006.

http://andromeda.rutgers.edu/~jlynch/Biblio/shandy.html    (21.01.2017)

Zur Einführung: Laurence Sterne. Briefe und Dokumente. München: Winkler 1965; David Thomson: Laurence Sterne. Eine Biographie. Frankfurt a.M.: Frankfurter Verlagsanstalt 1991; Peter Michelsen: Laurence Sterne und der deutsche Roman des 18. Jahrhunderts. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 21962; Rainer Warning: Illusion und Wirklichkeit in „Tristram Shandy“ und „Jacques le Fataliste“. München: Fink 1965; Erwin Wolff: Der englische Roman im 18. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 31980; Gerd Rohmann (Hg.): Laurence Sterne. Darmstadt: WBG 1980; Norbert Kohl: Die Struktur des Tristram Shandy. In: T.S. (Insel Ausgabe). Frankfurt a.M.: Insel 1982, S. 693-717; Wolfgang Iser: Laurence Sternes „Tristram Shandy“. Inszenierte Subjekti­vität. München: Fink 1987; Christian Schuldt: Selbstbeobachtung und die Evo­lution des Kunstsystems. Literaturwissenschaftliche Analysen zu Laurence Ster­nes „Tristram Shandy“ und den frühen Romanen Flann O’Briens. Bielefeld: transcript 2005; Helmut Draxler (Hg.): Shandyismus. Autorschaft als Genre. Merz & Solitude, Stuttgart: Merz & Solitude  2007; Dieter Hörhammer: Humor. In: Ästhetische Grundbegriffe Bd. 3. Stuttgart Weimar: Metzler 2001, S. 66-85.

FK:  Erich Auerbach – Edward Said - Gayatri Chakravorty Spivak: Philo­logie und Weltliteratur

Di 16-18 Uhr

Im Mittelpunkt des Kolloquiums wird die Frage des Eurozentrismus in der Lite­raturwissenschaft stehen und damit verbunden die Frage, ob und ggf. in wel­chem Maß die ebenfalls aus europäischen Perspektiven entwickelte Vorstellung der „Weltliteratur“ demgegenüber ein Korrektiv, eine Alternative oder vor allem dessen Fortsetzung darstellt. In diesen Zusammenhängen wird also auch nach den Grundlagen, der Reichweite und den Grenzen des Eurozentrismus zu fragen sein, ebenso auch nach seinen Funktionen und ggf. seiner Legitimität. Mit Erich Auerbach (1892-1957) wird dabei zunächst eine derjenigen literaturwissen­schaftlichen Stimmen zu hören sein, die die europäische Tradition in ihre ganzen Tiefe von der Antike über das Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert vertritt und nicht zuletzt aufgrund der eigenen Biographie (Vertreibung aus Deutschland, Leben in der Türkei, dann in den USA) auch Europa von seinen Außen- und Nachtseiten kennengelernt hat. Dass dabei Antike und Mittelalter ebenso wie das Mittelmeer als Räume des Austauschs und der Verschlingungen zwischen Ost und West, Nord und Süd in Erscheinung treten und zumal in einzelnen lite­rarischen Werken ihren Ausdruck finden, führt Auerbach auf den Weg seines programmatischen Aufsatzes „Philologie der Weltliteratur“ (1952), der 1969 von Edward Said aufgenommen auch aktuell wieder die Debatte um die Rolle der Literatur in Zusammenhängen einer sich weiter globalisierenden Welt anzu­regen vermag (vgl. Goßens 2013). Ausgehend von Auerbachs reichem Werk, das in einigen charakteristischen Studien im Seminar vorgestellt und bearbeitet wird, werden wir uns dann mit ausgewählten Essays der als Vertreter des Post­kolonialismus bekannten Literaturwissenschaftler Edward Said (1935-2003) und Gayatri Chakravorty Spivak (*1942) auseinandersetzen, um an deren Studien die bei Auerbach entwickelten Zugänge zur Weltliteratur zu diskutieren bzw. ggf. auch im Blick auf eine kritische Reflexion des Eurozentrismus weiterzufüh­ren.

Texte: Erich Auerbach: Gesammelte Aufsätze zur romanischen Philologie. Bern München: Francke 1947; ders. Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur [Bern 1946]; Tübingen: Narr Francke Attempo 112015; Edward W. Said: Culture and Imperialism. New York: A. Knopf 1993 (dt.: Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht. Frankfurt a.M.: Fischer 1994); Gayatri Chakravorty Spivak: In Other Worlds. Essays in Cultural Politics. New York: Methuen 1987; dies.: An Ae­sthetic Education in the Era of Globalization. Cambridge/Mass.: Harvard UP 2012.

Zur Einführung: Peter Goßens: Weltliteratur. In: Handbuch Komparatistik. Hg. von Rüdiger Zymner und Achim Hölter. Stuttgart Weimar: Metzler 2013, S. 138-143; Julia Abel: Erich Auerbach: Mimesis (1946), ebd. S. 296f.; dies.: Ed­ward W. Said: Culture and Imperialism (1993), ebd. S. 320; Sebastian Conrad, Shalini Randeria (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt New York: Campus 2002; Karlheinz Barck, Martin Treml (Hg.): Erich Auerbach. Geschichte und Aktualität eines europäischen Philologen. Berlin: Kadmos 2007; Kader Konuk: East-West Mimesis. Auerbach in Turkey. Stanford/Calif.: Stanford University Press 2010, David Damrosch: What is World Literature? Princeton: UP 2003; Samir Amin: L’eurocentrisme, critique d’une idéologie. Paris: 1988; [= Euro­centrism. Modernity, religion, and democracy. A critique of eurocentrism and culturalism. Nairobi New York: Monthly Review Press 1989 [22010]; Hans-Jörg Neuschäfer: Servo humilis. Oder: was wir mit Erich Auerbach vertrieben haben. In: Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozia­lismus. Hg. von Hans Helmut Christmann, Frank-Rutger Hausmann. Tübingen: Stauffenburg 1989, S. 85–106 [= Romanica et comparatistica 10]; Sigrid Nökel: Said, Orientalismus, Exil. Die Ambivalenz des Exil–Daseins zwischen Bruch und Re-Fundamentalisierung des Eigenen. In: Georg Stauth, Faruk Birtek (Hg.): "Istanbul". Geistige Wanderungen aus der "Welt in Scherben". Bielefeld: tran­script 2007, S. 131-155; Maria do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan: Post­kolo­niale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: transcript 22015 [zu Spivak, S. 151-218].

WS 2016/17

VL: Was KomparatistInnen wissen sollten: 15 Schlüsselthemen

(Mi 8-10)

Gerne und immer wieder einmal wird darauf verwiesen, dass die Literaturwis­senschaften noch nicht einmal wüssten, was Literatur sei, von den Grenzen, den Funktionen oder gar dem Wert eines literarischen Werkes, der Bedeutung einer Epoche oder auch dem Vorbildcharakter großer AutorInnen ganz zu schweigen. Auch weitere Fragen bleiben offen: Nicht nur Who wrote Shakespeare, sondern auch, wer schreibt überhaupt und wozu? Und nicht nur hier schwanken dann auch die Antworten zwischen der Natur, mitunter dem Heiligen Geist, einzelnen Menschen, ihrem Wachbewusstsein, vielleicht geht es aber auch um ihre Tag- und/oder Albträume. Realitätsbezüge wechseln mit Traumwelten und gesell­schaftlich strukturierten Räumen des Imaginären, wenn es darum geht, der Lite­ratur, ihren Geschichten, Figuren und ggf. Botschaften, einen Ort zuzuweisen. Auch auf andere Fragen finden sich entweder keine Antworten oder zu viele: Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Text, wer liest was und warum, nicht zuletzt: Warum überhaupt Lesen und Schreiben statt Leben oder auch Liebe (wie es Dante an einer berühmten Stelle im 5. Gesang der „Hölle“ (!) nahelegt)? Statt nun aber in diesen Unbestimmtheiten eine Schwäche allein der Literatur- oder auch anderer Geisteswissenschaften zu sehen, geht es vielmehr darum, solche grundlegenden Themen als das zu erkennen, was sie sind: Es geht dabei, wie auch in anderen Wissenschaften, um Grundbegriffe, um eine Arbeit, die nicht so sehr darauf zielt, endgültige Antworten zu finden, sondern die damit angesprochenen Felder als Baustellen offen zu halten, an denen eine Wissen­schaft forschen und ihr Selbstverständnis gewinnen kann. Studium und Lehre (auch in der Schule) tun gut daran, die damit verbundenen Kontroversen und offenen Fragen aufrecht zu erhalten, ja zu pflegen, da sich hieraus nicht nur das Selbstverständnis, sondern auch die Geschichte und Methodenvielfalt, ja die er­kenntnisorientierte Produktivität des Wissenschaftsgebiets selbst und damit auch sein Bildungswert erkennen lässt. Die Vorlesung wird in diesem Rahmen zentra­le Grundbegriffe und Fragestellung eines komparatistischen Arbeitens auf dem Feld der Literatur aufgreifen und zwar zum einen so, dass sich mit ihnen arbei­ten lässt und zum anderen der Horizont dafür offen bleibt, dass in anderen Ver­hältnissen andere Fragen von anderen Akteuren gestellt und ggf. (anders) be­antwortet werden könn(t)en.

Literatur zur Einführung: Gerhard R. Kaiser: Einführung in die Vergleichen­de Literaturwissenschaft. Forschungsstand – Kritik – Aufgaben. Darmstadt: WBG 1980; René Wellek, Austin Warren: Theorie der Literatur [1949]. Frank­furt a.M.: Athenäum 1971 (Neuauflage 1995); Jean-Paul Sartre: Was ist Litera­tur? Ein Essay. Hamburg: Rowohlt 1950 (u. ö.); David Damrosch: What is world literature? Princeton: UP 2003; Hans Dieter Zimmermann: Vom Nutzen der Literatur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977; Adolf Muschg: Literatur als The­rapie. Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare. Frankfurter Vorlesun­gen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1981; Christiaan L. Hart Nibbrig : Warum Le­sen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1983; Frank Griesheimer, Alois Prinz (Hg.): Wozu Literaturwissenschaft? Kritik und Perspektiven. Tübingen: Francke 1992; Geoffrey Hartman: Das beredte Schweigen der Literatur. Frankfurt a.M.: Suhr­kamp 2000; George Steiner: Errata. Bilanz eines Lebens. München: dtv 2002.

Für weitergehende Zusammenhänge: Rüdiger Zymner, Achim Hölter (Hg.): Handbuch Komparatistik. Theorien, Arbeitsfelder, Wissenspraxis. Stuttgart Weimar: Metzler 2013; Dieter Burdorf, Christoph Fasbender (Hg.): Metzler Le­xikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Stuttgart Weimar: Metzler 2007; Karlheinz Barck u.a. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in 7 Bänden. Stuttgart Weimar 2000-2005.

Änderung gegenüber dem Vorlesungsverzeichnis:

S: Rasse-Konstruktionen und die Möglichkeiten ihrer literarischen Kritik seit dem 18. Jahrhundert

(Di 14-16)

Ausgehend von der noch heute instruktiven Debatte zwischen Kant und Forster um die Möglichkeiten der Einteilung in Menschenrassen am Ende des 18. Jahr­hunderts werden wir uns zunächst mit beiden Seiten einer in dieser Hinsicht am­bivalenten Aufklärung kümmern. Denn immerhin brachte das 18. Jahrhundert nicht nur die Vorstellung universaler und zugleich individuell fundierter Men­schenrechte auf, sondern zugleich auch einen weiteren Schub im Bemühen, den Menschen und die Menschen nach „wissenschaftlichen“ Kriterien zu klassifizie­ren. Diese wiederum konnten dann auch als Vorgaben herangezogen werden für die mit der aufkommenden modernen Gesellschaft sich abzeichnenden Integra­tions- bzw. eben auch Ausschlussagenturen: Arbeit, Bildung, Recht, Kultur und soziale Zugehörigkeit. In diesem Rahmen sind dann auch unterschiedliche Ge­staltungs- und Reaktionsformen im literarischen Feld zu erkennen. Sie reichen von ideologischen und affirmativen Rasse-Konstruktionen und entsprechend rassistischen Entwürfen bis zur Kritik eben dieser Entwürfe aus religiösen, welt­anschaulichen, anthropologischen und eben auch wissenschaftliche Positionen. Über Medien/Literatur gestaltet und transportiert haben sie dann auch die Kritik des Rassismus und den Antirassismus nach 1945 bestimmt, stehen allerdings auch immer wieder zur Verfügung, wenn es darum geht, rassische Konstruktio­nen bzw. rassistische Modellbildungen zu bebildern, zu wecken oder auch zu verstärken. Dass es sich bei „Rasse“ um eine Art Mimikry an wissenschaftliche Vorstellungen handelt, ist allerdings auch  schon bereits nach der Jahrhundert­wende 1900 u.a. von dem später in Halle lehrenden und von den Nazis vertrie­benen Soziologen Friedrich Hertz (1878-1964) erkannt und in einer noch heute instruktiven Schrift  „Moderne Rassetheorien“ (1904) vertreten worden.

Im Seminar werden wir uns mit Texten u.a. von Mark Twain, Anne Moody, Harriett Beecher Stowe, W. E. B. Dubois, F. O. Hertz, Jean-Paul Sartre, James Baldwin, George Lamming, Edouard Glissant und  Philipp Roth beschäftigen und versuchen auf diese Weise ein literarisches Feld zu erkunden, das nicht nur zentral zur Delegitimierung des Rassismus beigetragen hat, sondern angesichts nicht nur noch vorhandener, sondern erneut wachsender Anteile rassistischer Überzeugungen und Tätlichkeiten aktuell wohl auch gebraucht wird. Ob diese Hypothese tragfähig ist, wäre dann auch eine der Fragestellungen, die im Semi­nar zu diskutieren und zu erkunden sein werden.

Zur Einführung: Christian Geulen: Geschichte des Rassismus. München: Beck 2007;  Wulf D. Hund: Rassismus. Bielefeld: transcript 2007; Christian Koller: Rassismus. Paderborn: Schöningh utb 2009.

Grundlegende Literatur: Friedrich Hertz: Rasse. In: Alfred Vierkandt (Hg.): Handwörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Enke 1931, S. 458-466; Werner Con­ze, Antje Sommer: Rasse. In: Geschichtliche Grundbegriffe Bd. 5, Stuttgart: Klett-Cotta 1984, S. 135-178; Helmut Bley, Max Sebastian Hering Torres: Ras­sismus. In: Enzyklopädie der Neuzeit Bd. 10, Stuttgart Weimar: Metzler 2009, Sp. 607-619; Siegrid Oehler-Klein: Rasse. In: Heinz Thoma (Hg.): Handbuch Europäische Aufklärung. Begriffe – Konzepte – Wirkung. Stuttgart Weimar: Metzler 2015, S. 419-428; Michel Foucault, Leben Machen und Sterben Lassen. Zur Genealogie des Rassismus. Ein Vortrag, in: Lettre International 20 (1993), 62–67; Stuart Hall: Die Konstruktion von ‚Rasse’ in den Medien. In: ders.: Aus­gewählte Schriften. Hamburg: Argument 1989, S. 150-171;  ders.: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument 1994/2012; Robert Miles: Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument 1991; Wolfgang Fritz Haug: Zur Dialektik des Anti-Rassismus. In: Rassismus und Migration in Europa. Hamburg: Argu­ment 1992, S. 407-430;  Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz (Hg.): Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Europa. Neuwied: Luchterhand 1997, S. 20-47; Peter Martin: Schwarze Teufel, edle Mohren. Afrikaner in Geschichte und Bewusstsein der Deutschen. Hamburg: Hamburger Edition 2001.

S: „Das Lob der Torheit“ und andere literarische Versuche über die Reichweiten des menschlichen Verstandes

(Mi 10-12)

Dass der Mensch sich, wie es u.a. Immanuel Kant gefordert hat, seines eigenen Verstandes zu bedienen habe, setzt voraus, dass er ihn hat. Freilich lässt nicht nur die Empirie des Alltags mitunter daran Zweifel aufkommen, sondern, wie dies Barbara Tuchman in ihrer Epoche machenden Studie nachgezeichnet hat, lässt sich auch eine Geschichte der Dummheit von Troja bis zu Richard Nixon  schreiben und aktuell über George Bush jr. vermutlich bis zu David Cameron und einigen seiner Zeitgenossen weiterführen. Es nimmt daher nicht wunder, dass Anthropologie und Philosophie, nicht zuletzt eine Wirtschaftstheorie und Sozialwissenschaften, die ein klug abwägendes „rational“ wählendes und ggf. entsprechend handelndes Subjekt postulieren, sich auch mit der Dummheit als einer Art gegenläufiger Position befasst haben, natürlich vielfach auch aus di­daktischen und moralischen Gründen, nicht zuletzt in Bezug zu Lehrprogram­men, Verhaltensmodellierungen und erst recht im Sinne einer Schranke oder Barriere zu den Kapitalsorten, die unterschiedliche Gesellschaften bevorraten und ggf. im Angebot haben. Von Jesus wird berichtet, dass er sieben kluge von sieben törichten Jungfrauen zu unterscheiden wusste (Matthäus 25,1-13), wäh­rend die „docta ignorantia“ des Nikolaus von Cues keineswegs nur eine Ver­werflichkeit bezeichnete, sondern zugleich eine Brücke ansprach, die von ratio­nalen Positionen aus zu darüber hinausgehenden Formen des Wissens, der Mys­tik, der Erfahrung und anderer Formen von Erkennen und Sein führen sollte. Die damit bereits im europäischen Mittelalter erkennbare Ambivalenz der mit Dummheit anzusprechenden Denkweisen, Einstellungen und Verhaltensmuster wird im Zuge der neuzeitlichen Entwicklungen noch einmal weiter aufgefächert. Nicht zuletzt zeigen sich kritische, subversive, rebellische, aber auch mystische und ideologische Besetzungen, von denen die Bekämpfung der Dummheit im Sinne einer widerständigen Dysfunktionalität nicht nur zentral in das Selbstver­ständnis der Aufklärung und der heute an sie anschließenden Bildungs- und Wissensgesellschaften führt, sondern hier auch auf ein Feld weiterleitet, auf dem die damit verbundenen Zwangsvorstellungen und –einrichtungen, nicht zuletzt auch als Mittel sozialer Disziplinierung, Abstufung und Ausschließung, sichtbar und kritisierbar werden. Dass dabei literarische Texte in der ihnen eigenen grundsätzlichen Ambivalenz auch als geeignete Medien sowohl zur Kritik der Dummheit als auch zu ihrer Inszenierung und ggf. gegenläufig zu ihrer kriti­schen Reflexion und der damit verbundenen Grenzbestimmungen auch als Ge­genentwurf zu einer vermeintlich vorhandenen Rationalität in Erscheinung tre­ten und genutzt werden können, soll Thema des Seminars sein, das damit nicht nur die Grenzen der Verstandesleistungen, sondern auch die Grenz- und Ent­grenzungsmöglichkeiten ästhetisch-literarischer Gestaltungsformen zu erkunden sucht. Diese Fragestellung soll an Texten u. a. von Erasmus von Rotterdam, François Rabelais, Jonathan Swift, Jean Paul und Gustave Flaubert ebenso un­tersucht werden wie an einigen Filmen, bspw. der „Numbscull Trilogie“ (2000, 2003, 2016) der Coen Brothers und an der kanadischen Dokumentation „Stupid­ity. An exploration into the nature of stupidity in Western society and its history of our perception of it” (R: Albert Nerenberg, 2003).

Zur Einführung:

Carlo M. Cipolla: Die Prinzipen der menschlichen Dummheit. In: ders.: Allegro ma non troppo. Die Rolle der Gewürze und die Prinzipien der menschlichen Dummheit. Berlin: Wagenbach 2001, S. 49-90; O.F. Beer: Dummheit. In: Hist. Wb. Phil. 2. Basel: Schwabe 1972, Sp. 299f.; Johann Eduard Erdmann: Über die Dummheit (1866); Leopold Loewenfeld: Über die Dummheit. Eine Umschau

im Gebiete menschlicher Unzulänglichkeit mit einem Anhange: Die menschli­che Intelligenz in Vergangenheit und Zukunft [1909]. Heidelberg: Springer 21921; Walter B. Pitkin: A Short Introduction to the History of Human Stupid­ity. New York: Simon & Schuster 1932; Robert Musil: Über die Dummheit (1937); Anton C. Zijderveld: Reality in a Looking-Glass. Rationality through an analysis of traditional folly. London Boston: Routledge & Kegan Paul 1982; Barbara Tuchman: The March of the Folly [1984]. Die Torheit der Regierenden von Troja bis Vietnam. Frankfurt a.M.: Fischer 2001.

Forschungskolloquium: Kleinstadtliteratur

Di 16-18

Mit Marc Weiland

Historisch, kulturwissenschaftlich, gesellschaftlich und nicht zuletzt literarisch bildet die Kleinstadt ein bekanntes und vertrautes Bild individuellen Lebens und spezifischer Sozialverhältnisse. Die Wahrnehmung und Gestaltung des klein­städtischen Lebens schwankt dabei zwischen Idyllisierung und Verwerfung, ro­mantischem Ausmalen und satirisch-kritischer Überzeichnung. Hier finden sich Reaktionsmuster, Verarbeitungsformen und Projektionen wieder, in und mit de­nen die europäischen Gesellschaften auf jene Abstraktions-, Mobilisierungs- und Verwertungsprozesse und -erfahrungen Bezug nehmen, die sich seit dem 19. Jh. unter dem Stichwort der ‚Moderne‘ fassen lassen und in Literatur, Film und an­deren Künsten ihren Widerhall bzw. Ausdruck gefunden haben und auch wei­terhin finden. Vor diesem Hintergrund und angesichts einer Fülle von Texten zur Kleinstadt ist durchaus bemerkenswert, dass die Kleinstadt im Unterschied zur Metropole (und auch zum Dorf) kaum Beachtung in den Literaturwissen­schaften gefunden hat. Dies ist umso erstaunlicher, als die Kleinstadt gerade für die Gesellschaftsgeschichte der deutschen Lande – auch in ihrer Außenwahr­nehmung – als außerordentlich charakteristisch gilt und auch der Kleinstäd­ter/Kleinbürger/Spießer zu den am meisten mit den Verhältnissen im Deutsch­land des 19. und frühen 20. Jh.s verbundenen Projektions- und Spielfiguren ge­hört. Die Beschäftigung mit Kleinstadtliteratur stellt dabei nicht nur ein interes­santes Repertoire lesens- und diskussionswürdiger Texte zur Verfügung, son­dern ermöglicht Einblicke in die Mentalitätengeschichte der deutschen (und an­derer) Gesellschaften. Wie könnte, vor diesem Hintergrund, eine Literaturge­schichte der Kleinstadt aussehen und welche kanonischen Texte würden dazu­gehören? Welche spezifischen (literarischen) Reaktionsmuster und Gestal­tungsweisen haben sich angesichts historischer, sozialer, kultureller, technischer und ökonomischer Entwicklungen ausgebildet? Die Arbeit im Kolloquium er­folgt in mehreren Schritten: Auf eine Erörterung unterschiedlicher Konzepte folgt die Erkundung literarischer Kleinstadt-Entwürfe anhand einiger Werke aus dem 18., 19. und 20. Jh.: u.a. Wieland, Keller, Raabe, H. Mann, B. Schulz, Fal­lada, Uwe Johnson, John Updike, Sherwood Anderson. Dabei wird es auch um eine Bestandsaufnahme der Darstellung und Rolle der Kleinstadt in der zeitge­nössischen Literatur und deren Auswertung im Blick auf zeitaktuelle Entwick­lungen und Problemstellungen (Rechtextremismus und Einwanderung, Ökolo­gie, Kommunale Selbstorganisation, Kleinstadt-Kulturen) in literarischen (Judith Schalansky, Ingo Schulze, Christoph Hein, Sigfried Lenz, Andreas Maier, Mo­ritz von Uslar) und filmischen Werken gehen (Ethan und Joel Coen, David Lynch, The Simpson).

Literatur zur Einführung:

Holger Thomas Gräf: „Small towns, large implications?“ Bemerkungen zur Konjunktur in der historischen Kleinstadtforschung. In: Peter Johanek, Franz-Joseph. Post (Hg.): Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff. Köln: Böhlau 2004; Katrin Keller: Kleinstadt. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Bd. 6. Stuttgart: Metzler 2007, Sp. 778-780; Pro Regio Online Heft 2 (2004): Die vernachlässigten Kleinstädte. KLEINSTADT-BILDER - Kleine Sozialgeschichte der ländlichen Kleinstadt von 1945-2000, S. 20-72 [http://www.pro-regio-online.de/downloads/klein1.pdf];    Hermann Glaser: Kleinstadt-Ideologie. Zwi­schen Furchenglück und Sphärenflug. Sammlung Rombach. Freiburg 1969; Bernd Hüppauf: Die Kleinstadt. In: Alexa Geisthövel/Habbo Knoch (Hg.): Orte der Moderne: Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankfurt/Main, S. 303-315; Christiane Nowak: Menschen, Märkte, Möglichkeiten. Der Topos Kleinstadt in deutschen Romanen zwischen 1900 und 1933. Bielefeld: aisthesis 2013; Clemens Zimmermann (Hg.): Kleinstadt in der Moderne. Ostfildern: Thorbecke 2003.

WS 2015/16

VL: Geschichte und Poetik des Romans bis zur Neuzeit

Mi 8-10

Auch wenn die Geschichte des Romans erst im Europa der frühen Neuzeit ein­setzt und der „Aufstieg“ des Romans zu einer ebenso populären wie ambitio­nierten literarischen Gattung zu den Resultaten des 18. Jahrhunderts gehört, so finden sich große Erzählungen, die sich auf Erfahrungen einzelner Menschen stützen und diese in einen Weltentwurf zu integrieren suchen - in wie auch im­mer geordneten Formen - schon früher und offensichtlich auch rund um den Globus. Neben der Geschichte der Texte spielen freilich die Muster ästhetischer Kodie­rung und die Ansatzpunkte ihrer Reflexion in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen ebenfalls eine wichtige Rolle, so dass eine Geschichte des Ro­mans zu­gleich auch eine Geschichte der Romantheorie und der historischen und sozialen Funktionszusammenhänge im Blick haben muss, wenn sie die in der Gattung, in ihrer Geschichte und in einzelnen Werken in Erscheinung tretenden Anschluss­-Möglichkeiten an historische Prozesse und an Schnittstellen kultu­reller Entwicklungen angemessen aufarbeiten will. Die Vorlesung möchte einen Überblick über die Geschichte der Gattung und ihrer historischen und sozialen Rahmenbedingungen und Funktionen geben, eine Reihe von für die Form, Ge­schichte und Rezeption des Romans wichtigen Texten vorstellen und wird mit einem Ausblick auf die weitere Geschichte und Entwicklung des Ro­mans nach 1800 enden.

Lit. zur Einführung: Matthias Bauer: Romantheorie und Erzählanalyse. Stutt­gart Weimar 1997; Christoph Bode: Der Roman. Eine Einführung. Tübingen Basel 2005; Jutta Eming: Emotion und Expression. Untersuchungen zu deut­schen und französischen Liebes- und Abenteuerromanen des 12.- 16. Jahrhun­derts. Berlin 2006; Manfred Engel: Roman. In: Fischer Lexikon Literatur Bd. 3. Frankfurt a. M. 2002, S.1669-1709; Gérard Genette: Die Erzählung. München 1994; Bruno Hillebrand: Theorie des Romans. München 1980;  Albrecht Ko­schorke: Wahr­heit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie. Frankfurt a. M. 2012; Franco Moretti (Hg.): The Novel. 2 Bde. Princeton u.a. 2006;  Stein­ecke, Hartmut und Fritz Wahrenburg (Hg.): Romantheorie. Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Stuttgart 1999; Viktor Žmegač: Der europäische Roman. Ge­schichte seiner Poetik. Tübingen 1990.

Einige „Klassiker“ zum Thema: Theodor W. Adorno: Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman. In: ders.: Noten zur Literatur I, Frankfurt a.M. 1965, S. 61-72; Erich Auerbach: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländi­schen Literatur (1946); Walter Benjamin: Der Erzähler.
Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. In: ders.: Illuminationen. Ausge­wählte Schriften. Frankfurt a. M. 1977, S. 385-410; Hans Blumenberg: Wirk­lichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans. In: Hans Robert Jauß (Hrsg.): Nachahmung und Illusion. Kolloquium Gießen Juni 1963. Vorlagen und Ver­handlungen. 2. Auflage. München: 1969, S. 9-27;  E. M. Forster: Aspects of the Novel (1927); Lucien Goldmann: Soziologie des modernen Romans. Neuwied 1970; Volker Klotz (Hg.): Zur Poetik des Romans. Darmstadt 1965; Eberhard Lämmert u. a. (Hg.): Romantheorie 1620-1880. Dokumentation ihrer Geschichte in Deutschland. Frankfurt a. M. 1988; dies. (Hg.): Romantheorie. Dokumenta­tion ihrer Geschichte in Deutschland seit 1880. Königstein/Ts. 1984; Georg Lu­kács: Theorie des Romans (1920);  Norbert Miller (Hg.): Romananfänge. Ver­such zu einer Poetik des Romans. Berlin 1965; Ian Watt: The Rise of the Novel (1957); Otto Weinreich: Der griechische Liebesroman. Zürich 1962.

S: Geistersprache und Atemnot: Aspekte der Lyrik

Mi 10-12

Ausgehend von Heinz Schlaffers Studie zur „Geistersprache“ (München 2012) werden wir das literarische Feld lyrischen Sprechens und Gestaltens ebenso wie die Akte und Aspekte seiner Wirkung und Rezeption unter sozialanthropologi­schen, kulturgeschichtlichen, literaturwissenschaftlichen und speziell kompara­tistischen Fragestellungen erkunden. Dazu werden Texte aus unterschiedlichen Epochen herangezogen und auch aus unterschiedlichen literarischen und kultu­rellen Kontexten. Während der europäische Traditionsbestand mit Texten von Pindar, Petrarca, Goethe, Hölderlin, Heine, Baudelaire, Yeats und Nelly Sachs zur Sprache kommen soll, wird auch Platz für Gedichte und Lyriker aus Afrika, Asien und Amerika sein; Zwischenräume und Transferzonen sollen ebenso be­rücksichtigt werden wie Ansatzpunkte und Problemstellungen des Übersetzens und die Möglichkeiten und Grenzen interkultureller Hermeneutik.

Literatur zur Einführung: Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart Weimar [1995] 32015; Terry Eagleton: How to Read a Poem. New York 2011; Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Hamburg 1956/2006; Hans-Henrik Krummacher: Lyra. Studien zur Theorie und Ge­schichte der Lyrik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin Boston 2013; Dieter Lamping (Hg.): Handbuch Lyrik. Theorie,  Analyse, Geschichte. Stuttgart Wei­mar 2011; Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. Mün­chen 2012 (Reclam Tb. 2015); Heinz Werner: Die Ursprünge der Lyrik. Eine entwicklungspsycholo­gische Untersuchung [1924]. New York London 1971.

S: „Säufer-Literatur“: Grenzen und Möglichkeiten mediengestützter Ent­grenzung

Di 16-18

Im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ fehlt ein Eintrag zu „Entgren­zung“. Die Stelle, an der er sich finden sollte/könnte (Bd. 2. Darmstadt Basel 1972, Sp. 525), wird dagegen von den beiden Stichwörtern „Entfremdung“ und „Enthusiasmus“ nicht nur gerahmt, sondern damit auch als Schnittstelle zweier  Erfah­rungsräume und Bewegungslinien erkennbar, die in unterschiedlicher Weise Ent­grenzungsbegehren zum einen verursachen und zum anderen auf de­ren Erfüllung zielen. Dass dabei, durch die „natürliche Künstlichkeit“ des Men­schen (Helmuth Plessner) bedingt, Hilfsmittel unterschiedlicher Art, vom Tanz bis zur Droge, eine Rolle spielen und ihrerseits auf die Befähigung des Men­schen zur „Selbsttranszendenz“ (Hans Joas) verweisen, zeigen historische Stu­dien ebenso wie kulturvergleichende. Literatur und andere Künste können dabei einerseits von Entgrenzungsbegehren und –erfahrungen berichten und sich in ihren Ge­staltungsmöglichkeiten darauf beziehen und zum anderen als Droge und Ent­grenzungsmedium selbst in Erscheinung treten. Ausgehend vom Mythos des Di­onysos werden wir uns zunächst mit einschlägi­gen Texten Platons („Sympo­sion“ und „Phaidros“) beschäftigen; auch ein Blick auf Petrons „Gastmahl des Trimalchio“ („Satyricon“) dürfte nützlich sein. Angesichts der Fülle an weiteren Möglichkeiten werden wir dann für die neuzeitliche Literatur eine Auswahl der Schilderungen alkoholischer Exzesse vornehmen müssen (u.a. François Ra­be­lais, E. T. A. Hoffmann, Edgar Allen Poe, Charles Baudelaire, Arthur Rim­baud, Flann O’Brien, Malcolm Lowry, Amos Tutuola, Jerzy Pilch, Viktor Slapovski, Jewgenij Jerofejev, Andrzej Stasiuk und Harry Rowohlt).

Literatur zur Einführung: Markus Bernauer, Mirko Gemmel (Hg.): Realitäts­flucht und Erkenntnissucht. Alkohol und Literatur. Berlin 2014. Wolfgang Uwe Eckert: Sucht. In: Enzyklopädie der Neuzeit Bd. 13. Stuttgart Weimar 2011, Sp. 11-18;  W. Hermann Fahrenkrug (Hg.): Zur Sozialgeschichte des Alkohols in der Neuzeit Europas. Lausanne 1986 [= Drogalkohol 86/3)]; Hans Joas: Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz. Freiburg 2004; Alexander Kupfer (Hg.): Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik. Ein Handbuch. Stuttgart Weimar 2006;  Yvonne Pörzgen: Berauschte Zeit. Drogen in der rus­sischen und polnischen Gegenwartsliteratur. Köln Wei­mar Wien 2008; Hasso Spode: Alkoholkonsum. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Bd. 1. Stuttgart Weimar 2005, Sp. 197-201; ders.: Die Macht der Trunkenheit. 2005. Gisela Völger, Karin von Welck (Hg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturver­gleich. 3 Bde. Reinbek bei Hamburg 1981.

FKolloq.: Braucht jedes Land eine eigene Literatur?

Fallbeispiele und Stu­dien  zum Verhältnis von Nationalismus und Dichtung

Di 18-20

Der Entstehung, Evolution, ggf. auch Erfindung von Nationalliteraturen wollen wir in diesem Kolloquium anhand von Fallbeispielen aus Deutschland, Frank­reich, Italien und Polen nachgehen. Wer braucht wann wozu eine „national“ konturierte Literatur/Dichtung und was soll dies überhaupt heißen? Ausgehend von Herders Konzeption der Wechselbeziehungen von Nationen, Völkern, Nati­onal- und Welt-Kulturen (-literaturen) werden wir Konzepte der Weltliteratur bei Wieland und Goethe sowie die Rolle der Literatur beim Aufbau von Staaten in der Sicht Wilhelm von Humboldts erörtern. In diesem Rahmen sind dann vier Bezugspunkte auszuarbeiten, die ihrerseits sowohl als Bestimmungsele­mente einer länder- oder gesellschaftsspezifisch „eigenen“ Literatur identifiziert wer­den können als auch als Instrumente zur Untersuchung und ggf. kritischen Re­flexion der ent­sprechenden Konzepte, Entwürfe und Programmumsetzungen dienen sollen: (1) Was ist eine Nation? (2) Wer oder was ist ein nationaler Au­tor? (3) Welche Funktion hat ein entsprechender Kanon und wie kommt er zu­stande? Schließlich (4) Wie werden Darstellungen nationaler Literaturen von wem und für wen begründet? Um dies zu konkretisieren, werden wir uns im Laufe des Seminars nicht nur mit Länderstudien beschäftigen, sondern auch ein­zelne als national repräsentativ diskutierte bzw. inszenierte Werke in Augen­schein nehmen: Adam Mickiewicz‘ „Pan Tadeusz“ (1834), Goethes „Faust“ (1806), „I promessi sposi“ (1827) von Alessandro Manzoni und nicht zuletzt, und da fängt die Crux schon an, ein für die französi­sche Nationalliteratur reprä­sentatives Werk, aber wie heißt es denn? Und was bedeutet es, wenn wir hier ins „Schwanken“ kommen (Michel de Montaigne)? Da es sich um ein For­schungs­kolloquium handelt, wird nicht nur ein großes Maß an Eigen­initiative seitens der TeilnehmerInnen erwartet, sondern es besteht auch die Ge­legenheit, eigene Fra­gestellungen, Fallbeispiele und Länderstudien einzubringen.

Erste Literaturhinweise: Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt a.M. New York 1988; Helmut Berding (Hg.): Nationales Bewusstsein und kollektive Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit 2. Frankfurt a.M. 1994; Alfred Gall (Hg.): Romantik und Geschichte. Polnisches Paradigma, eu­ropäischer Kontext. Deutsch-polnische Perspektive. Wiesbaden 2007; Ernest Gellner: Nationalismus und Moderne. Berlin 1991; Bernhard Giesen (Hg.): Na­tionale Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit 1. Frankfurt a.M. 1991; Bernhard Giesen: Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit. Frankfurt a. M. 1993; Katharina Grabbe, Sig­rid G. Köhler, Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.): Das Imaginäre der Nation. Zur Persistenz einer politischen Kategorie in Literatur und Film. Bielefeld 2012; Re­nate von Heydebrand (Hg.): Kanon. Macht. Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildung. DFG Symposion 1996: Stutt­gart Weimar 1998; Hubert Ivo: Volkssprache und Sprachnation. In: Diskussion Deutsch 114: Sprache – Nation -Identität (1990), S. 343-368;  Otto W. Johnston: Der deutsche Nationalmythos. Ursprung eines politischen Programms. Stuttgart 1990; Lutz Niethammer: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheim­lichen Konjunktur. Reinbek bei Hamburg 2000;  Iulia-Karin Patrut: Phantasma Nation. „Zigeuner“ und Juden als Grenzfiguren des „Deutschen“. Würzburg 2014; Ernest Renan: Was ist eine Nation? In: Michael Jeismann und Henning Ritter (Hg.): Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus. Leipzig 1993; Ul­rike Christine Sander, Fritz Paul (Hg.): Muster und Funktionen kultureller Selbst- und Fremdwahrnehmung. Beiträge zur internationalen Geschichte der sprachlichen und literarischen Emanzipation. Göttingen 2000; Helmut Scheuer (Hg.): Dichter und ihre Nation. Frankfurt a.M. 1993; Udo Schöning (Hg.): Inter­nationalität nationaler Literaturen. Göttingen 2000; Izabela Surynt, Marek Zy­bura (Hg.): Narrative des Nationalen. Deutsche und polnische Nationalitäts­dis­kurse im 19. und 20. Jahrhundert. Osnabrück 2010; Nils Werber: Die Geopo­litik der Literatur. Eine Vermessung der medialen Weltordnung. München 2007.

Kolloq.: Für DoktorandInnen und ExamenskandidatInnen

O. u. Z. nach Vereinbarung

Sprechstunde im Semester Mi 12-13

WS 2014/15

VL: Literaturgeschichte Afrikas südlich der Sahara

Mi 8-10

Dass  Afrika südlich der Sahara neben politischen Schlagzeilen auch zu  kultu­rellen, künstlerischen und speziell literarischen Themenfeldern  etwas beizutra­gen hat, ist spätestens seit den Nobelpreisen für Wole  Soyinka (1986), Nadine Gordimer (1991) und J. M. Coetzee (2003) auch  einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden; seit 2002 ist der  nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe Friedenspreisträger des  deutschen Buchhandels. Dass es gleichwohl gerade für literarisch und  literaturwissenschaftlich Interessierte noch viel zu entdecken, auch  vieles zu diskutieren und zu erforschen gibt, gehört allerdings auch zu  den Randbedingungen des hier angebotenen Seminars. Noch  immer – und  aktuell erneut einmal verstärkter – gilt die viel zitierte Bemerkung des  Us-amerikani­schen Geographen G. H. T. Kimble vom Beginn der  1960er Jahre: „Das Dun­kelste an Afrika war schon immer unser Unwissen  über diesen Kontinent.“ Aus­gehend von der Kultur- und  Kolonialgeschichte Afrikas wird die Vorlesung ei­nen Überblick über die  Geschichte seiner Literaturen bieten und dabei Fragen der  Literaturtheorie: Wann beginnt „Literatur“? Wer ist ein Autor? ebenso  an­sprechen wie die nach den politischen und ggf. kritischen bzw.  emanzipatori­schen Funktionen literarischer Texte. Es versteht sich,  dass dabei auch allgemei­nere Fragen der Kolonialkritik  (postcolonialism, coloniality, Eurozentrismus, westernization), des  Rassismus und der Kulturpolitik/Kulturtheorie anzuspre­chen sind.  Neben  aktuellen Entwicklungen werden auch einige inzwischen klas­sische Texte  (Ferdinand Oyono, Chinua Achebe, Camara Laye, Cheik Hamidou Kane und  Wole Soyinka) vorgestellt, an denen sich dann auch Fragen des Ka­nons,  der literarischen Wertung und der Literaturvermittlung und weitergehende  Bildungsaspekte erörtern lassen.

Literatur zur Einführung:  Simon Gikandi (Hrsg.): Encyclopedia of African lite­rature. Routledge,  London 2003; Janheinz Jahn: Geschichte der neoafrikani­schen Literatur.  Eine Einführung. Düsseldorf Köln 1966; Tibor Keszthelyi: Af­rikanische  Literatur. Versuch eines Überblicks. Berlin 1981; Almut Seiler-Diet­rich: Die Literaturen Schwarzafrikas. Eine Einführung, München 1984; Gérard, Albert S. (Hg.): European-Language Writing in Sub-Saharan  Africa, 2 Bde. Bu­dapest 1986; Thomas Metscher: Moderne Weltliteratur  und die Stimme Schwarzafrikas. Essen 2001; Christel N. Temple: Literary  Spaces. Introduction to Comparative Black Literature. Durham, NC 2007;  Walter P. Collins: Emerg­ing African Voices. A study of contemporary  African literature. Amherst, Mass. 2011; Werner Nell: Afrika. In:  Rüdiger Zymner, Achim Hölter (Hg.): Handbuch Komparatistik. Stuttgart  2013, S. 70-75; diverse Überblicksdarstellungen zu den „Literaturen  Afrikas“ in: Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen  Gegenwarts­literatur, hg. von Heinz Ludwig Arnold, München 1978ff. (wird  laufend aktuali­siert).

S: Studien zu einer Literaturgeschichte des Teufels

Mi 10-12

Der  Teufel, einerseits zunächst Chiffre für die Vorstellung und Erfahrung  des radikal Bösen, in diesem Sinn  namenlos und ungestaltet, ist zum  anderen als „Herr der vielen Namen“, Durcheinander-Werfer  (diabolos) und komische Per­son doch auch Gegenstand zahlreicher  künstlerischer, philosophischer und reli­giöser Ausarbeitungen,  volkskultureller Überlieferung und eben auch ästheti­scher Re­flexionen  und literarischer Gestaltungen geworden. Als Gegen-Schöp­fer und Versucher, aber auch als „komische“ Figur, Aufklärer und Anwalt der Gegen-Vernunft  bezeugt er die grundlegende, ja abgründige Ambivalenz menschlicher  Existenz und ihrer Schöpfungen, ebenso lässt er sich als Sonde und  Werkzeug verstehen, um Diskurse der Macht zu befördern, ggf. aber auch  zu thematisieren und anzugreifen. Nach einer Einführung in die kultur-  und reli­gionsgeschichtlichen Grundlagen anhand einiger auch literarisch  bedeutsamer Auftritte des Teufels in der Bibel werden wir uns dann mit  Texten von John Milton, Alain-René de Le­sage, Jean Paul, Goethe,  E. T. A. Hoffmann, Christian Dietrich Grabbe, Charles Baudelaire,  Amb­rose Bierce, Raymond Radiguet und Michail Bulgakov beschäftigen,  ggf. kön­nen auch Filme, etwa Roman Po­lańskis: Rosemary‘s Baby  (1968)  oder Teufels-Adaptionen in der Populärkultur angesprochen werden.

Literatur zur Einführung: A. Schuller, W. von Rahden (Hg.): Die andere Kraft. Zur Renaissance des  Bösen. Berlin 1993; Alfonso di Nola: Der Teufel. Wesen, Wirkung,  Geschichte. München 1990; Robert Muchembled: Une histoire du diab­le.  Paris 2000; Gustav Roskoff: Geschichte des Teufels. Eine  kulturhistori­sche Satanologie von den Anfängen bis ins 18. Jahrhundert  [1869]. Nördlingen 1987; Auguste F. Lecanu: Geschichte des Satans.  Regensburg 1863 [Nachdruck 1997]. Zu einem ersten Einstieg: Volker  Leppin: Teufelsglaube. In: Enzyklopä­die der Neuzeit. Bd. 13. Stuttgart  2011, Sp. 393-395 sowie die sehr informative Website:

http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/littheo/teufel/literatur/   

S: Das Dorf in der Literatur des 19. Jahrhunderts

Di 14-16

Für  viele Literaturliebhaber, Unterhaltungsmedien und auch das deutsche  Lese­buch bilden die Dorfgeschichten des 19 Jahrhunderts vor allem einen  Raum der Idylle, einen Gegenentwurf zur Unruhe und Mobilität der  modernen Industrie­gesellschaft. Tatsächlich finden sich diese und  andere Spannungen des Lebens in der Moderne aber auch in diesen  Geschichten selbst wieder, so dass sie sich eher als Modellbildung bzw.  Focus einer spezifischen Wahrnehmung und Pro­blemstellung der Moderne  verstehen lassen und weniger als Hinweise oder Re­likte vergangener  vermeintlich „besserer Zeiten“. Überdies handelt es sich auch bei dieser  lite­rarischen Gattung um eine spezifische Form künstlerischer  Ge­staltung sozialer Erfahrung, die in einer Richtung im Blick auf die  historische Wirklichkeit und die Erfahrungen von Menschen unter diesen  Umständen be­trachtet werden kann, zum anderen aber auch vom Nutzen, von  den Möglich­keiten und auch von den Grenzen literarisch-künstlerischen  Schaffens zeugt. Überdies, auch dies eher Stand neuerer Forschungen,  handelt es sich bei Dorfge­schichten keineswegs um eine spezifisch  „deutsche“ Form der Literatur, sondern um eine  Textsorte, die  offen­sichtlich über all dort auftritt, wo die Übergänge von  traditionellen zu modernen gesellschaftlichen Räumen in Erscheinung  treten und somit auch deren poetische Gestaltung zur Erkundung ansteht.  Im Rahmen des Seminars werden wir uns u.a. mit Texten von Jean  Paul, Johann Peter Hebel, Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Berthold  Auerbach, Gottfried Keller, Ivan Turgenev, Anton Tschechow und Karl Emil  Franzos beschäftigen.

Erste Literaturhinweise: Bernd Spies: Dorfgeschichte. In: Handbuch der literari­schen Gattungen, hg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 137-142;  Martin Greiner: Dorfgeschichte. In: Kohlschmidt, Werner/Mohr, Wolfgang  (Hg.): Re­allexikon der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 1,  Berlin1958, S. 274-279; Uwe Baur: Dorfgeschichte. Zur Entstehung  und gesellschaftlichen Funktion ei­ner literarischen Gattung im Vormärz.  München 1978; Jürgen Hein: Dorfge­schichte. Stuttgart 1976; Uwe Baur:  Dorfgeschichte. In: Weimar, Klaus (Hg.): Reallexikon der deutschen  Literaturwissenschaft, Bd. 1. Berlin/New York 1997, S. 390-392;  Jörg Schönert: Berthold Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten der 40er  und 50er Jahre als Beispiel eines ›literarischen Wandels‹? In:  Titzmann, Michael (Hg.): Zwischen Goethezeit und Realismus. Wandel und  Spezifik in der Phase des Biedermeier. Tübingen 2002, S. 331-343;  Jürgen Lehmann: ›Bauern­roman‹, ›Dorfgeschichte‹ und ›Dorfprosa‹.  Anmer­kungen zu Theorie und Ge­schichte, zu Formen und Funktionen der  Landleben­literatur. In: Danubiana Car­pathica 5/52 (2011), S. 119-136; Michael Neumann, Markus Twellmann: Dorf­geschichten. Anthropologie und Weltliteratur. In: DVjS 88/1 (2014), S. 22-45.

Zum sozialgeschichtlichen Rahmen: Norbert Mecklenburg: Erzählte Provinz. Regionalismus und Mo­derne im  Roman. Königstein/Ts. 1982; Wolfgang Lipp:  Heimatbewegung,  Re­gionalismus. Pfade aus der Moderne? In: Friedhelm Neid­hardt u.a. (Hg.): Kultur und Gesellschaft. Opladen 1986, S. 331-355 (=KZSS Sonderheft 27);

Ernst  Langthaler, Reinhard Sieder (Hg.): Über die Dörfer. Ländliche  Lebens­welten in der Moderne. Wien 2000; Peter Wagner: Soziologie der  Moderne. Frankfurt a. M. New York 1995; Anthony Giddens: Konsequenzen  der Mo­derne. Frankfurt a. M. 1995.

FKolloq.: Literarische Vermittler

Di 16-18

Im  Zentrum des Seminars soll die Beschäftigung mit einigen  Schriftstellern, Übersetzern und Journalisten, auch Wissenschaftlern,  stehen, deren Schriften und öffentliches Auftreten im 19. Und 20.  Jahrhundert als Brücke und ggf. Ver­bindung zwischen Nationen,  Sprachgemeinschaften und darauf bezogenen lite­rarischen Traditionen  gewirkt haben oder wirken wollten. „… noch nie“, so der Mainzer Slavist  Rainer Goldt im Frühsommer dieses Jahres, „hat gegenseitiges Verstehen  Identität zerstört. Aber diese Angst ist gerade die Wurzel allen Übels.“  Im Gegenzug zu dem beträchtlichen Anteil literarisch und  literarturwis­senschaftlich Orientierter bei der jeweiligen „Erfindung“  bzw. imaginativen Er­zeugung homogen gedachter Nationen (Benedict  Anderson), und manchmal durchaus im Span­nungsfeld dieser Vorstellungen  selbst, geht es hier darum, An­satzpunkte, Mo­dellvorstellungen und  Fallstudien zu erkunden, in denen jeweils konkrete Indi­viduen als  Vermittler, durchaus auch in Missverständnissen und kontraproduk­tiv,  zur Vermittlung zwischen unterschiedlichen Nationalliteratu­ren und  –kultu­ren beizutragen suchten. Wir werden uns dabei mit Christoph  Martin Wieland, Mme. de Staël und Henry Crabb Robinson beschäftigen, des  Weiteren mit Friedrich Sieburg und Walter Benjamin sowie mit Karl  Dedecius und Jan Jȯzef Lipski. Schließlich wird es auch darum gehen, die  Rollen und Möglichkeiten literarischer Vermittlung innerhalb aktueller  theoretischer An­sätze der Transla­tions-, Transfer- und eben auch  Konfliktforschung zu erörtern und diese auf zeitgenössische  Konfliktlagen und ggf. Versöhnungsprozesse zu beziehen.

Literatur zur Einführung: Jürgen Sieß (Hg.): Vermittler. Frankfurt a.M.  1981; Katharina Middell, Matthias Middell: Forschungen zum  Kulturtransfer: Frank­reich und Deutschland. In: Grenzgänge 1 (1994),  S-. 107-122; Bernd Kortländer, Lothar Jordan (Hg.): Nationale  Grenzen und internationaler Austausch. Studien zum Kultur- und  Wissenschaftstransfer in Europa. Tübingen 1995;  Michael Werner,  Bénédicte Zimmermann: Vergleich, Transfer, Verflechtungen. Der An­satz  der ‚Histoire croisée’ und die Herausforderungen des Transnationalen.  In: Geschichte und Gesellschaft 28/4 (2002), S. 607-636. Stefanie  Stockhorst (Hg.): Cultural Transfer through Translation. Amsterdam New  York 2010; Dževad Ka­rahasan, Markus Jaroschka (Hg.): Poetik der Grenze.  Über Grenzen sprechen – Literarische Brücken für Europa. Graz 2003:  Ralf K. Wüstenberg: The Political Dimenson of Reconciliation. A  theological approach. Grand Rapids/Michigan Cambridge U.K. 2009. [http://www.politische-bildung-branden­burg.de/publikationen/pdf/aufarbeitung_versoehnung.pdf].   

Kolloq. für Doktoranden/ExamenskandidatInnen: O. u. Z. n. V.

SomS 2014

VL: Geschichte der Reiseliteratur im 18. Jahrhundert

Mi 8-10

Modul: Themen, Stoffe, Motive

Wer unter Reisen nicht nur gesuchte oder erzwungene Mobilität im Raum, sondern eine indi­viduell gestaltete, im Rückbezug auf kulturelle Orientierungen und mit Hilfe zivilisatorischer Mittel unternommene Bewegung von Individuen mit eigenständig bestimmten Zielen ver­steht, wird – zumindest in einer Sichtweise auf die europäischen Entwicklungen – auf die Kulturge­schichte des Reisens im 18. Jahrhunderts verwiesen. Die für uns heute selbstver­ständliche Vorstellung eines individuell bestimmten, im Besonderen der Persönlichkeitsbil­dung, der Welterfahrung und auch „interkultureller Kompetenz“ (Joachim Matthes) dienen­den Reisens nimmt hier ihren Ausgang. „Reisen … sollte“, so der Greifswalder Historiker Mi­chael North, „nicht nur fachspezifischer Bildung dienen,… sondern der Schärfung des Ver­standes und der Vermehrung der Erkenntnis, aber auch der Bildung des Herzens im Allge­meinen…“. Ansprü­che und Impulse des Denkens und insbesondere des Menschenbildes der Aufklärung geben in die­ser Bestimmung des Reisens als Bildungselement ebenso den Ton an wie das Reisen und zumal dessen literarische Ausarbeitung und ggf. poetisch-fiktionale Um­gestaltung den Vorstellun­gen und Erwartungen eines adlig-bürgerlichen Lese-Publikums Rechnung zu tragen su­chen. Wenn Reisen bis hin zu Eskapismus und Zivilisationsflucht auch aktuell noch immer im Wesentlichen in positiven Konnotationen erscheint, so knüpft dies an Themenfelder und Subjektvorstellungen an, die im Laufe des 18. Jahrhunderts wesentlich durch Reiseliteraturen gebildet und vermittelt wurden und in denen sich Grundzüge einer am Ende des Jahrhunderts sich abzeichnenden „bürgerlichen Kultur“ (Fridrich H. Tenbruck) wie­derfinden lassen. Tech­nik- und wirtschaftsgeschichtliche Entwicklungen sind dabei für die Zunahme und Ausbrei­tung des Reisens, auch die damit verbundenen Erwartungen und deren literarische (auch in anderen Künsten fassbare) Ausarbeitung ebenso zu berücksichtigen wie kultur-, wissen­schafts- und sozialgeschichtliche Befunde. Einer Ausdifferenzierung der Rei­seanlässe und Reiseformen sowie einer Pluralisierung der Reisenden, ihrer Motive und Erfah­rungen, ent­spricht eine entsprechende Vielfalt an Reiseschilderungen, deren literarische Um­setzung von Forschungs- bis zu Abenteuerreisen, von Bildungsreisen bis zu landeskundlichen Unternehmun­gen reicht und sich als Formen- und Gestaltungsvorrat in den Texten der „bel­les-lèttres“ in der ganzen Bandbreite bis zur Unterhaltungs- und Trivialliteratur wiederfinden lassen, nicht zuletzt in Entwürfen poetischer, fiktiver und in einem modernen Sinn auch phantasti­scher Reisen. Die Vorlesung wird dazu Rahmenbedingungen, Entwicklungslinien, Fallbei­spiele und eine Reihe literarischer Texte aus den europäischen und überseeischen Lite­raturen vorstellen.

Literaturhinweise zur Einführung:

Hermann Bausinger, Klaus Beyrer, Gottfried Korff (Hg.): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München: Beck 1991; Peter Brenner (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989; Iwan-Michelangelo D’Aprile, Winfried Siebers: Das 18. Jahrhundert. Zeitalter der Aufklärung. Ber­lin: Akademie 2008; Ottmar Ette: Literatur in Bewegung. Raum und Dynamik grenzüber­schreiten­den Schreibens in Europa und Amerika. Weilerswist: Velbrück 2001; Hinrich Fink-Eitel: Die Philosophie und die Wilden. Über die Bedeutung des Fremden für die europäische Geistesgeschichte. Hamburg: Junius 1994; Hans-Wolf Jäger (Hg.): Europäisches Reisen im Zeitalter der Aufklärung. Heidelberg: Winter 1992; Michael North: Genuss und Glück des Lebens. Kulturkonsum im Zeitalter der Aufklärung. Köln Weimar Wien: Böhlau 2003; Mary Louise Pratt: Imperials Eyes. Travel Writing and Transculturation. London: Routledge 1992; Hans Joachim Piechotta (Hg.): Reise und Utopie. Zur Literatur der Spätaufklärung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977; Barbara Stollberg-Rilinger: Europa im Jahrhundert der Aufklärung. Stuttgart: Reclam 2000; Friedrich H. Tenbruck: Bürgerliche Kultur. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie uns Sozialpsychologie. Sonderheft 27 ( = Kultur und Gesellschaft, hrsg. von Fried­helm Neidhardt/M. Rainer Lepsius/Johannes Weiß), Opladen: Westdeutscher Verlag 1986, S. 263-285; Rudolph Vierhaus (Hg.): Bürger und Bürgerlichkeit im Zeitalter der Auf­klärung. Heidelberg: Lambert Schneider 1981;  Ralph-Rainer Wuthenow: Europäische Reise­literatur im Zeitalter der Aufklärung. Frankfurt a. M.: Insel 1980.

S: Humor und Ethnizität

Di 14-16

Modul: Rezeption, Produktion, Translation und Transfer

Schon der alte Witz (mit sooo einem Bart): „Die drei dünnsten Bücher der Welt: englische Küche, italienische Heldentaten, deutscher Humor“ bindet völkerkundlich ausgerichtete Ima­ges und Spezifika witziger, ggf. humoristischer Gestaltung zusammen, um damit selbst eine mehr oder weniger „gelungene“ Bemerkung zu machen. Aber nicht nur Völkertafeln und Loci Communes-Sammlungen kennen seit dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit bereits die Zu­ordnung von Klima, Staatsordnung, Religion, Gesellschaftsform und Habitus-Formen zu ei­nem vermeintlich eine ganze Bevölkerungsgruppe repräsentierenden Charakterbild, dessen Ausformung dann u. a. auch eine spezifische Art des Weltverhältnisses, der Selbstdarstellung und des Selbstverständnisses, ggf. in einer invertierten, subvertierten Form auch „Witz“, Ver­stand und ggf. Humor umfasst. Auch in späterer Zeit, im Alltag und zumal im Zuge einer an­wachsendenden, dann sich auch pluralisierenden Medienentwicklung werden ethnische, kul­turelle, politisch-kulturelle Charakteristika immer wieder auch zum Gegenstand, zum Me­dium, auch zum Aufhänger und Impulsgeber witziger, satirischer und humoristischer Be­züge und Konstruktionen. Wie alle anderen Hervorbringungen menschlicher Kultur sind diese Ar­te­fakte allerdings grundlegend ambivalent, können der Denunziation, der Diskriminierung und Verletzung von Menschen und Gruppen ebenso dienen wie der Verteidigung ihrer Würde und In­tegrität, der Selbstbehauptung und Abwehr von Übergriffen und Machtansprüchen, wohl aber auch ihrer Durchsetzung und kulturellen Unterfütterung. Subver­sion steht neben Propa­ganda, Rebellion neben Unterhaltung, Diskriminierung steht gegen Selbstermächtigung; nicht zu­letzt geht es vielfach ums Geschäft. Das Seminar wird in diesem unübersichtlichen und zumal durch aktuelle soziale, kulturelle und mediale Entwicklungen (Migration, Populär­kultur, Me­dienvielfalt) ebenso intensiv genutzten wie beforschten und durchaus kontrovers dis­kutier­ten Feld zunächst einmal Begriffe und Gattungsfragen zu klären haben und sich dann der Erkun­dung einiger Fallbeispielen („deutscher“ und „polnischer“ Humor, jüdischer Witz, Ethno-Comedies) zuwenden, wobei neben literarischen Quellen auch Filme, TV-Formate und Inter­netauftritte heranzuziehen sind.


Für eine erste, durchaus zum Thema passend „fragwürdige“ Orientierung siehe die website:

So lacht die Welt http://www.kinokarate.de/index.php?option=com_content&task=view&id=416&Itemid=99999999\fett{    }

Literaturhinweise:

Mahadev L. Apte: Humor and Laughter. An anthropological approach. Ithaca London: Cornell UP 1985;  Helmut Bachmaier: Texte zur Theorie der Komik. Stuttgart: Reclam 2005; Peter Berger: Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung. Berlin: de Gruyter 1998; Jan Bremmer, Hermann Roodenburg, Kai Brodersen: Kulturgeschichte des Humors. Von der Antike bis heute. Darmstadt: Primus 1999; Christie Davies: Ethnic Humor around the World. A comparative analysis. Bloomington: Indiana UP1990; Henry Louis Gates: The Signifying Monkey. A theory of Afro-American literary criticism. New York: Oxford UP 1988; Geoffrey Hartman: Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1996; Dietmar Kamper, Christoph Wulf (Hg.): Lachen – Gelächter – Lächeln. Reflexionen in drei Spiegeln. Frankfurt a. M.: Syndikat 1986; Joseph Klatzmann, Thomas Schultz: Jüdischer Witz und Humor. München: Beck 2011; Darja Klin­genberg: Zähne zeigen. Humor in der kritischen Migrationsforschung. In: Paul Mecheril u.a. (Hg.): Migrationsforschung als Kritik. Spielräume kritischer Migrationsforschung. Wiesba­den: Springer VS 2013, S. 209-225; Helga Kotthoff, Shpresa Jashari, Darja Klingenberg: Komik (in) der Migrationsgesellschaft. Konstanz: UVK 2013; Salcia Landmann: Der jüdische Witz. [1960] Ostfildern: Patmos 162011; Sharon Lockyer, Michael Pickering (Hg.): Beyond a Joke. The Limits of Humor. Houndmills Basingstoke: Pangrave Macmillan 2005; Chris Pow­ell, George E. C. Paton (Hg.): Humor in Society. Resistance and Control. New York: Mac­millan Press 1988; Wolfgang Preisendanz, Rainer Warning (Hg.): Das Komische. München: Fink 1976 (= Poetik und Hermeneutik VII); Werner Röcke, Hans Velten (Hg.): Lachgemein­schaften. Kulturelle Inszenierungen und soziale Wirkungen von Gelächter im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Berlin: de Gruyter 2005; Susanne Schäfer: Komik in Kultur und Kon­text. München: iudicium 1996; Wolfgang Schmidt-Hidding: Humor und Witz, München: Hue­ber 1963 (=Europäische Schlüsselwörter 1); Waltraud (Wara) Wende (Hg.): Wie die Welt lacht. Lachkulturen im Vergleich. Würzburg: Königshausen & Neumann 2008; Anton C. Zij­derveld: Humor und Gesellschaft. Eine Soziologie des Humors und des Lachens. Graz Wien Köln: Böhlau 1976.

S: Moralistik und Mimesis in Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts: Stendhal – Trollope – Keller

Mi 10-12

Modul: Kulturelle Diskurse

Als Kollektivsingular, so die Beobachtung René Königs, tritt „die“ Gesellschaft erst um 1800 in Erscheinung und, da sie – einer populären Bemerkung Margaret Thatchers aus den 1980er Jahren folgend: „And, you know, there is no such thing as society“ (Interview mit M.T. 31.10.1987) – in ihrer Existenz offensichtlich auch empirisch nicht einfach fassbar, ggf. sogar ideologisch umstritten erscheint, mögen literarische und künstlerische Inszenierungen von Gesellschaft, so die im Seminar zu verfolgende Arbeitshypothese, als Anschauungs- und Vermitt­lungsräume, ggf. auch Simulationen und Projektionen dessen erscheinen, was alltags­sprachlich und zumindest in den Selbstverortungen der Menschen seit dem 19. Jahrhundert als „die Gesellschaft“ erscheint. Die Fragestellung, die im Rahmen des Seminars anhand dreier Erzählwerke aus des 19. Jahrhunderts verfolgt werden soll, richtet sich also darauf, in welcher Weise in den darin entfalteten Erzählwelten Gesellschaftsbilder, die Erfahrungen des Gesell­schaftlichen und die Selbstverortung von Menschen als Gesellschaftsmitgliedern erzeugt, ge­schildert und ggf. als Leitorientierung für ein Lesepublikum gestaltet und weitervermittelt, u. U. auch kritisch befragt oder in ironischer Brechung präsentiert werden. Bezogen auf die Be­trachtung der Menschen werden dabei die Fragen der Moralistik nach der „Natur“ des Men­schen, soweit sie sich in seinem „gesellig/ungeselligen“ Verhalten erkennen bzw. fassen lässt, zum Ausgang genommen, während hinsichtlich der Beschreibung gesellschaftlicher „Reali­tät“ Erich Auerbachs „Mimesis“-Studien einen Anstoß bieten können. Im Mittelpunkt aber wird die Beschäftigung mit Stendhal: „Le Rouge et le Noir“ (1830), Anthony Trollope: „Bar­chester Towers“ (1857) sowie Gottfried Keller: „Die Leute von Seldwyla“ (1856/1860/1875) stehen, deren Lektüre und solide Kenntnis von den SeminarteilnehmerInnen erwartet werden.


Erste Hinweise zur Literatur:

Hans Adler (Hg.): Der deutsche soziale Roman des 18. und 19. Jahrhunderts. Darmstadt: WBG 1990 (=WdF 630); Clemens Albrecht: Geselligkeit, in: Enzyklopädie der Neuzeit Bd. 4, Stuttgart: Metzler 2006, Sp. 674-680; Erich Auerbach: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Li­teratur [1946]. Tübingen: Francke 91994; Hans Peter Balmer: Philoso­phie der menschlichen Dinge. Die europäische Moralistik. Bern München: Francke 1981; Lewis Coser (Hg.): So­ciology through Literature. An introductory reader. Engelwood Cliffs N.J.: Prentice Hall 1963; Peter Gay: Die Macht des Herzens. Das 19. Jahrhundert und die Erforschung des Ich,. München: O. Beck 1997; Thomas Kron, Uwe Schimank (Hg.): Die Ge­sellschaft der Literatur. Opladen: Budrich 2004; Helmut Kuzmics, Gerald Mozetić: Literatur als Soziologie. Zum Verhältnis von literarischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Kon­stanz: UVK 2003; Leo Löwenthal: Literatur und Gesellschaft, in: ders.: dass. Literatur in der Massengesellschaft. Neuwied Berlin: Luchterhand 1972, S. 244-274;Wolfgang Schmale: Gesell­schaft, in: Enzyklopädie der Neuzeit Bd. 4, Stuttgart: Metzler 2006, Sp. 680-706; Jür­gen von Stackelberg: Französische Moralistik im europäischen Kontext. Darmstadt: WBG 1982.

FK: Komparatistik und Schule

Di 16-18

Forschungskolloquium. Arbeitsfelder der AVL

Tatsächlich wird es in diesem Seminar um die Ausarbeitung einer Forschungsfrage gehen; dies lässt sich schon daran erkennen, dass es zu der in Rede stehenden Thematik im deutsch­sprachigen Raum kaum Literatur und auch keine damit verbundene Diskussion gibt. Zu deut­lich sind die Unterschiede (ggf. mehr „gefühlt“ als historisch oder von den Sachen her verifi­zierbar) der jeweiligen Fachgeschichten und Selbstverständnisse zwischen Komparatistik auf der einen und den sich etwa an den Berufsfeldern der Literatur-LehrerInnen orientierenden Nationalphilologien auf der anderen Seite, als dass sich hier gemeinsame oder eben interdis­ziplinär angelegte Arbeitsfelder bislang hätten ausbilden können. Immerhin hatte der Aache­ner Komparatist Hugo Dyserinck zu Anfang der 1970er Jahre die Aufgabe übernommen, für ein damals in Nordrhein-Westfalen auf den Weg zu bringendes Schulfach „Literaturwissen­schaft“ ein Hand- bzw. Lehrbuch der Komparatistik zu schreiben (Dyserinck 1981: 7), aus dem dann – nachdem der diesem Projekt zugrunde liegende Plan einer Reform des Literatur­unterrichts schnell wieder aufgegeben worden war – immerhin die 1977 erschienene „Einfüh­rung“ in das Fach „für“ Komparatisten wurde. Obwohl seitdem die Präsenz literarischer Texte un­terschiedlichster Herkünfte durch Migration, gesellschaftliche Pluralisierung und die welt­weite Ausbreitung von Nachrichtennetzen, eine Zunahme von Fremdsprachenkompetenzen und Übersetzungen sowie durch diverse andere Aspekte einer seit den 1980er Jahren promi­nent beobachteten Globalisierung zugenommen hat, nicht zuletzt die Vielfalt der Sprachen, Welten und Literaturen auch in den meisten Klassenzimmern (inzwischen auch in ländlichen Gebieten) Einzug gehalten hat, ist es bislang nicht dazu gekommen, Impulse komparatisti­schen Ar­beitens in die Bereiche der Schulen und der Lehrerausbildung einzubringen bzw. eine gewisse Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Philologien und der Komparatistik auf dieser Ebene auf den Weg zu bringen. Während in Bereichen akademischer Lehre und For­schung durchaus Einfüh­rungen für einen breiteren Adressatenkreis (Damrosch 2009) sowie einschlägige Hand- und Lehrbücher (Zymner/Hölter 2013) vorliegen und es auch einige An­sätze eines interdisziplinä­ren Austauschs gibt (Birus 1995; Danneberg/Vollhardt 1996; Wier­lacher/Bogner 2003; Erhart 2004), scheint es für die Praxis in Lehreinrichtungen (von der Schule bis zur Erwachsenenbil­dung, im Bereich DaF und vergleichbaren Zusammenhängen) kaum Ansatzpunkte zu geben (immerhin Konstantinović 1979). Hier soll nun das Kolloquium an­setzen: Es gilt nach An­satzpunkten, Themen, Fragstellungen, Texten und Modellen zu su­chen, bzw. diese in der Hin­sicht zu erkunden, ob und ggf. wie komparatistisches Wissen und entsprechende Orientierun­gen in schulischen Arbeitszusammenhängen aufgenommen und ggf. aus­gearbeitet werden können. Als Ausgangspunkt bzw. Beispiel für eine solche weiter­ge­hende Arbeit könnte das im Jahr 2003 für die Oberstufe der Gymnasien herausgegebene „Lese­buch zu den deutsch-pol­nischen Literaturbeziehungen“ (Kneip/Mack 2003) herangezo­gen werden.
Das Kolloquium richtet sich an Lehramtsstudierende ebenso wie an KomparatistInnen, an Studierende im Bereich DaF und nicht zuletzt an all diejenigen, deren berufspraktische Orientie­rung noch ungewiss ist, ggf. aber eine Beteiligung an Literaturkursen nicht aus­schließt. Erwartet wird die Bereitschaft, sich auf eigene Erkundungen (Lesebücher, Lehr­bü­cher und Lehrpläne, Themen, Vergleichsmöglichkeiten und mögliche Gemeinsamkeiten, Handrei­chungen und Unterrichtsmaterialien) einzulassen und ggf. auch eigene Beispiele oder Modelle auszuarbei­ten. Selbständigkeit und eigene Fragestellungen sind ausdrücklich will­kommen.

Erste Literaturhinweise:

Hendrik Birus (Hg.): Germanistik und Komparatistik. DFG Symposion 1993. Stuttgart Wei­mar: Metzler 1995; David Damrosch: How to read world literature. Chichester U.K.: Wiley-Blackwell 2009;  Lutz Danneberg, Friedrich Vollhardt (Hg.): Wie international ist die Lite­raturwissenschaft? Stuttgart Weimar: Metzler 1996; Hugo Dyserinck: Komparatistik. Eine Einführung. Bonn: Bouvier 21981; Walter Erhart (Hg.): Grenzen der Germanistik. Rephilolo­gisierung oder Erweiterung? DFG Symposion 2003. Stuttgart Weimar: Metzler 2004; Mat­thias Kneip, Manfred Mack: Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen. Materialien und Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. 10. - 13. Schuljahr. Mit Hör-CD. Berlin: Cornelsen 2003; Zoran Konstantinović: Weltliteratur. Strukturen, Modelle, Systeme. Freiburg Basel Wien: Herder 1979; Alois Wierlacher, Andrea Bogner (Hg.): Handbuch inter­kulturelle Germanistik. Stuttgart Weimar: Metzler 2003; Rüdiger Zymner, Achim Hölter (Hg.): Handbuch Komparatistik. Theorien, Arbeitsfelder, Wissenspraxis. Stuttgart Weimar: Metzler 2013;

Kolloq. für Doktoranden und Examenskandidaten O. u. Z. n. V.

WS 2013/2014

Lehrveranstaltungen im WS 2013/14

VL: Postcoloniale Theorien – postcoloniale Literaturen (Mi 8-10)

(Kulturelle Diskurse)

Entgegen dem Wortsinn setzen postcoloniale Erkundungen in literarischen und wissen­schaftsbezogenen Tex­ten  nicht dort ein, wo der Kolonialismus endet. Vielmehr entzünden sich die damit verbundenen Reflexionen und Kritiken, und so auch die in diesen Zusammen­hängen entstandenen literarischen Texte gerade an dem Umstand, dass die mit dem Kolonia­lismus verbundenen Erfahrungen der Ausbeutung und Abhängigkeit, der Missachtung und Entfremdung nicht mit seinem formalen Ende (durch das politisch-formale Unabhängigwer­den früherer Kolonien) aufgehört haben, sondern weiterbestehen, sich in vielerlei Hinsicht sogar für viele Menschen dieser Erde verfestigen, weiter bestehen und zugleich aus den wahr­nehmungsmustern der „Weltgesell­schaft“ immer wieder  herauszufallen drohen. Während der theoretische Zugang in diesem Sinne Impulse des Poststrukturalismus, und der emanzipatori­schen Bewegungen, zumal der Frauenbewegung, aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit neueren historischen und sozialwissenschaftlichen Arbeitsansätzen und –feldern verbin­den (z. B. in Studien zur „Globalen Interaktion“), spielen für das Zustandekommen und die Rezeption literarischer Texte zumal die Anregungen der Postmoderne, ebenso aber auch glo­balisierte Traditionsbezüge unterschiedlicher Gesellschaften, Sprachen  und Kulturen eine wichtige Rolle. Ob sich hieraus eine neue Weltlitera­tur bzw. „Gobalkultur“ und damit auch ein neues Arbeitsfeld der Komparatistik ergibt, wird im Rahmen der Vorlesung zu diskutieren sein.

Literatur zur Einführung: Stuart Hall: Wann war „der Postkolonialismus“? Denken an der Grenze. In: Elisabeth Bronfen, Benjamin Marius, Therese Steffen (Hg.): Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen Multikultura­lismusdebatte. Tübingen: Staufenburg 1997, S. 219-146; Maria do Mar Castro Varela, Nikita Dha­wan: Postkoloniale Theorie. Eine kriti­sche Einführung. Bielefeld: transcript 2005; Bill Ashcroft, Gareth Griffiths, Helen Tiffin; Post-Colonial Studies. The Key Concepts., London New York: Routledge 2000; Ina Kerner: Postkoloniale Theorien zur Einführung. Hamburg: Junius 2012.

Weitere Literatur: Bill Ashcroft, Gareth Griffiths, Helen Tiffin: The Empire Writes Back. Theory and practice in post-colonial literatures. London New York: Routledge 1989, 22002; Sebastian Conrad, Shalini Randeria (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Per­spektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt a. M. New York: Campus 2002; Bill Ashcroft, Gareth Griffiths, Helen Tiffin (Hg.). The Post-Colonial Studies Reader. London New York: Routledge 22006; Julia Reuter, Paula-Irene Villa (Hg.): Postkoloniale Soziologie. Empirische Befunde, theoretische Anschlüsse, politische Intervention. Bielefeld: transcript 2009; Julia Reuter, Alexandra Karentzos (Hg.): Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden: VS 2012;

S: Selbstbeschreibung im Spiegel der Fremdbestimmung. Marginalität und autobiogra­phisches Schreiben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

(Di 14-16)

(Vertiefungsmodul)

Jean-Jacques Rousseaus Autobiographie „Les Confessions“ (1782/1789) gibt den Ton an: Sich selbst unter den Leitvorstellungen der zeitgenössischen bürgerlich-adligen Kultur in den Bereichen Bildung, Religion, Ästhetik, aber auch Selbstbestimmung vorzustellen und diese Kriterien auf der Grundlage der eigenen Besonderheit und der in sie eingeflossenen Erfahrun­gen zugleich in Frage zu stellen, mitunter auch vorzuführen, beschreibt den Ausgangspunkt für die Arbeit des Seminars. Diese zielt darauf, anhand verschiedener Autobiographien von Angehörigen unterbürgerlicher Schichten oder anderer randständiger, ggf. diskriminierter Gruppen das Wechselverhältnis von Normalität und Marginalität, Subalternität und Domi­nanzkultur, Schweigen und Stimme in der literarischen Selbstinszenierung zu erkunden. Da­mit ist die Fragestellung verbunden, in welchem Maße das Schreiben aus marginaler Position nicht nur auf vorhandenen dominanzkulturelle Vorstellungen und literarische Verfahren an­gewiesen ist, um für ein eher gehobenes Lese-Publikum sichtbar zu werden, sondern auch, ob die damit herangezogenen Deutungsmuster, Moral- und Stil-Vorstellungen genutzt werden können, um marginale oder subalterne Erfahrungen, Lebensentwürfe Geltungsansprüche überhaupt zu Wort zu kommen zu lassen. Da sich Marginalität in einem Medium gestalten und behaupten muss, dass zunächst einmal dafür nicht geschaffen wurde, ist ferner zu fragen, welche Adaptions- und Assimilations-, ggf. auch Überanpassungsprozesse aufgeboten, wenn nicht gefordert oder intendiert werden, um in den vorgegebenen Anerkennungsmustern ent­weder die eigene Biographie und Identität sichtbar werden zu lassen oder aber diese parodis­tisch, subversiv oder kritisch gegen die vorherrschenden Normen ins Spiel zu bringen. Nach einer eingehenden Lektüre ausgewählter Kapitel aus Rousseaus Autobiographie werden im Seminar „Die Memoiren der Glikl von Hameln“ (1691/1719), Ulrich Bräker: „Lebensge­schichte und natürliche Ebenteuer des Armen Manns von Tockenburg (1788/89); Salomon Maimons Lebensgeschichte (1792/93), „The Interesting Narrative of the Life of Olaudah Equiano or Gustavus Vassa the African“ 81794) sowie „Das  Leben und die Schicksale des Magister Laukhard (1792-1802) zur Sprache kommen.

Literatur zur Einführung: Claudia Ulbrich u. a. (Hg.): Selbstzeugnis und Person. Transkulturelle Perspektiven. Köln: Böhlau 2012; Henning Eckart: Selbstzeugnisse. Quellen­wert und Quellenkritik. Berlin: Bibspider 2012; Linda Anderson: Autobiography. London: Routledge 2011; Martina Wagner-Edelhaaf: Autobiografie. Stuttgart: Metzler 22005; Ortrun Niethammer: Autobiographien von Frauen im 18. Jahrhundert. Tübingen Basel: Francke 2000;Günter Niggl (Hg.): Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Darmstadt: WBG 1989; Jürgen Lehmann: Bekennen, erzählen, berichten. Studien zu Theorie und Geschichte der Autobiographie. Tübingen: Niemeyer 1988; Helmut Pfotenhauer: Literarische Anthropologie. Selbstbiographien und ihre Geschichte am Leitfaden des Leibes. Stuttgart: Metzler 1987.

S: „On the Road“ – Geschichten vom Abhauen und Unterwegssein im 20. und 21. Jahr­hundert (Mi 10-12)

(Arbeitsgebiete der AVL)

Zu den zehn „normalen Lebenstätigkeiten“, die Hartmut von Hentig in seinem 1996 erschie­nenen, vielbeachteten Essay „Bildung“ als Anlässe zum „Sich-Bilden“ nennt, wird als zehnte der „Aufbruch“ gezählt, eine Denkfigur und ein Verhaltensmuster, das in gewissem Sinn sta­bile Verhältnisse ebenso voraussetzt wie es ihnen entfliehen will. Aufbruch in die Fremde um sich zu bilden und ggf. selbst zu finden, später auch zu verlieren, gehört freilich seit den „Abenteuern des Télémaque“ (1698), spätestens aber seit Goethes „Wilhelm Meister“ (1796) zum Grundrepertoire nicht nur „gesteuerter“ bürgerlicher Bildung, sondern bietet auch für die Literatur Anlass und Rahmen für eskapistische Schilderungen von Menschen und Welterfah­rungen, dann auch für ein eskapistisches Schreiben, das darauf ausgeht, in der Schreibform selbst (Kerouacs berühmte „Rolle“) ein Muster und Modell zu finden, das dem Unterwegssein Rechnung trägt und zugleich der Flüchtigkeit der Moderne selbst Ausdruck verleihen kann. Beginnend mit Eichendorffs „Taugenichts“ (1826) werden wir uns mit Texten und Filmen v. a. aus dem 20. und beginnenden 21. Jahrhundert beschäftigen, u. a. von Henri Alain-Fournier, J. D. Salinger, Jack Kerouac, Richard Fariña, Leon de Winter, Bob Dylan, Andrzej Stasiuk und Wolfgang Herrndorf; Filme u. a. von Agnès Varda, Wimm Wenders und Martin Scor­cese.

Zur Einführung: Zygmunt Bauman: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburg: Hamburger Edition 2008; ders.: Wir Lebenskünstler. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009; Hans Richard Brittnacher   , Magnus Klaue    (Hg.): Unterwegs. Zur Poetik des Vagabundentums im 20. Jahrhundert. Köln: Böhlau 2008.Vilém Flusser: Von der Freiheit des Migranten. Berlin: Bollmann 1994; Gert Sautermeister: Vom Werther zum Wanderer zwischen beiden Welten. Über die metaphysische Obdachlosigkeit bürgerlicher Jugend, in: Thomas Koebner, Frank Trommler (Hg.): „Mit uns zieht die neue Zeit“. Der Mythos Jugend. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1985, S. 438-478.

Forschungskolloq.: Raum-Poetiken (Di 16-18)

Nachdem im Zuge der Postmoderne der Fortschritt und kurz nach den Systemumbrüchen in Osteuropa offensichtlich auch die Geschichte ganz abhanden gekommen waren, kehrten Zeit und Erzählung über die Attraktivität und den jeweiligen Deutungsbedarf des Raums, als soge­nannter „spatial turn“ zu Beginn der 1990er Jahre wieder ins Bewusstsein, in die politischen Diskurse und so auch in die Literatur- und Kulturwissenschaften zurück. Ältere Raum-Kon­zepte, die zentral mit dem Anspruch der „Regierbarkeit“ (Michel Foucaults „gouvernementa­lité“) verbunden gewesen waren und sich im Blick auf Beherrschbarkeit, Überschaubarkeit, Aneignungs- und „Durchdringungsmöglichkeiten“ eines jeweils als gegeben vorausgesetzten Raumes strukturierten, waren bis dahin sowohl durch die politischen Kämpfe um Territorial­ansprüche (so noch immer der Bestseller Hans Grimms „Volk ohne Raum“ 1926) als auch durch die nach 1945 einsetzenden transnationalen Entwicklungen in ihren Geltungsansprü­chen in Frage gestellt worden. Dem gegenüber hoben die neueren Raum-Konzepte, darin an die europäischen Avantgarden anknüpfend, von vorne herein den Konstruktionscharakter und die daran beteiligten Imaginationen, Projektionen, ideologischen und künstlerischen Anteile hervor. Das Forschungskolloquium wird sich zunächst mit einigen grundlegenden Texten zur poetischen Herstellung, Wahrnehmung und Vermittlung von Räumen beschäftigen und dann anhand ausgewählter Raumvorstellungen: Himmel und Hölle, Wüste und Polarkreis, Kosmos und Zimmer, Insel und Höhle, Paradies und Garten, literarische und andere künstlerische Gestaltungsbeispiele darauf hin untersuchen, in welchem Maße und Tragweite daran Raum-Poetiken abgelesen bzw. entwickelt werden können.

Literatur zur Einführung: Doris Bachmann-Medick: Spatial Turn, in: dies.: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek: Rowohlt 2006, S. 284; Michail Bachtin: Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen Poetik. Frankfurt a. M.: Fischer 1989; Jörg Dünne, Stefan Günzel (Hg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philo­sophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2006; Ottmar Ette: Literatur in Bewegung. Raum und Dynamik grenzüberschreitenden Schreibens in Europa und Amerika. Weilerswist: Velbrück 2001; Stefan Günzel (Hg.): Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart Weimar: Metzler 2010; Magdalena Marszalek, Susi K. Frank (Hg.): Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen. Berlin: Kadmos 2010; Jürgen Osterhammel: Die Wiederkehr des Raumes: Geopo­litik, Geohistorie und historische Geographie, in: Neue Politische Literatur 43 (1998), S. 374-297; Alexander Ritter (Hg.): Landschaft und Raum in der Erzählkunst. Darmstadt: WBD 1975 (=WdF 418);  Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München Wien: Hanser 2003.

Eine Liste mit weiterer Literatur zu „Raum“ findet sich auf meiner Homepage:

http://nell.germanistik.uni-halle.de/materialien/.

SomS 2013

VL: Literatur und Kolonialismus (Mi 8-10)

Module: Kulturelle Diskurse, Literaturtheorie, Literaturgeschichte 17.-19. Jahr­hundert

Dass die langen Schatten des europäischen Kolonialismus auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Rolle spielen, belegen Zeitungen und Abendnachrich­ten jeden Tag. Die Bandbreite kolonial geprägter Konflikte und Lebensverhält­nisse reicht dabei vom Spanisch sprachigen Amerika bis Mali und Indien, von den „First Nations“ der kanadischen „Northern Territories“ („Nunavut“) bis zu den Küstenstädten der Republik von Südafrika und umfasst vor dem Hinter­grund der um 1500 erneut einsetzenden europäischen Expansionsbewegungen zugleich die innereuropäischen Gesellschaften, zumal auch ihre kulturellen, wis­senschaftsbezogenen und sozialen Wahrnehmungs- und (Selbst)-Interpretations­ansätze. Anthropologie und Ethnologie sind von den als Kolonialsystem in Er­scheinung tretenden Ungleichheits- und Machtverhältnis­sen ebenso geprägt wie Literatur und andere Künste, Gesellschaftsvorstellungen und nicht zuletzt Iden­titätszuschreibungen und „Normalitäts“-Ansprüche im Alltag. „Die Literatur Euro­pas“, so pointiert der Bayreuther Romanist und Komparatist János Riesz, „ist die eines Kontinents von Kolonisatoren.“ Im Zentrum der Vorlesung werden drei Themenfelder stehen: Die Geschichte der von Europa ausgehenden Kolonisie­rung und die darauf bezogenen Reaktionsmuster (1), die legitimatorische und ggf. kritische theoretische Begleitung dieser Erfahrungen, deren Bandbreite von religiösen und geschichtsphilosophischen Entwürfen bis hin zu postkolonialer Theoriebildung reicht (2) und schließlich – nicht zuletzt – eine exemplarische Lektüre kolonialer, kolonialkritischer und postkolonialer literarischer Texte (3).

Literaturhinweise: Themenheft „Kolonialismus“. Aus Politik und Zeitge­schichte 62/44-45 (2012); Wolfgang Bader, János Riesz (Hg.): Literatur und Kolonialismus I: Die Verarbeitung der kolonialen Expansion in der europä­ischen Literatur. Frankfurt a. M.: P. Lang 1983; Frederick Cooper: Kolonialis­mus denken. Konzepte und Theorien in kritischer Perspektive. Frankfurt a. M. New York: Campus 2012; Ronald Daus: Die Erfindung des Kolonialismus. Wuppertal: P. Hammer 1983;  Sven Halse (Hg.): Worte, Blicke, Träume. Bei­träge zum deutschen Kolonialismus in Literatur, Fotografie und Ausbildung. Kopenhagen München: Fink 2007; Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolo­nialzeit. Stuttgart: Metzler 2004; Paul Michael Lützeler: Postmoderne und post­koloniale deutschsprachige Literatur: Diskurs – Analyse – Kritik. Bielefeld: Aisthesis 2009;  Jürgen Osterhammel, Jan C. Jansen: Kolonialismus. Ge­schichte, Formen, Folgen. München: Beck 2012; Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus. Stuttgart: Kröner 2008; Benedikt Stuchtey: Die europäische Expansion und ihre Feinde. Kolonialismus-Kritik von 18. bis zum 20. Jahrhundert. München: Oldenbourg 2010.

S: Ludwig Tieck und die „Weltliteratur“ (Mi 10-12)

Modul: Translation, Rezeption, Transfer

Ludwig Tieck (1773-1853) war nicht nur einer der produktivsten und über lange Zeit auch erfolgreichsten Schriftsteller der deutschen Romantik, sondern er ist in mehrfacher Hinsicht auch für komparatistische Fragestellungen von Interesse. Als literarischer Übersetzter (u.a . Shakespeare und Cervantes) und Literaturkri­tiker ebenso wie mit seinen literaturhistorischen Interessen (u.a. im Blick auf die deutsche Literatur des Mittelalters) und als marktbewusster Organisator im lite­rarischen Feld bietet er eine Reihe von Ansatzpunkten für literaturhistorische, literaturtheoretische und literatursoziologische Fragestellungen, denen im Se­minar anhand ausgewählter Werke und Textauszüge nachgegangen werden soll. Vor dem Hintergrund der sich nach 1800 abzeichnenden Konzeptualisierung von „Weltliteratur“, der eine weitere Phase transnationaler Literaturbeziehungen („Globalisierung“) korreliert, werden Fragen komparatistischer Übersetzungs­forschung ebenso eine Rolle spielen wie die komparatistischen Arbeitsgebiete der Einfluss- und Rezeptionsforschung, die Funktion literarischer Vermittler und  Aspekte des Kulturtransfers bzw. eines umfassenderen Translationsansatzes.

Werke: Ausgewählte kritische Schriften, hg. von Ernst Ribbat. Tübingen: Nie­meyer 1975; Werke, hg. von Claus Friedrich Köpp, 2 Bde. Berlin Weimar: Auf­bau 1985; Schriften, hg. von Manfred Frank u.a., 12 Bde. Frankfurt a.M.: Deutscher Klassiker Verlag 1985ff.

Literaturhinweise: Achim Hölter: Ludwig Tieck. Literaturgeschichte als Poe­sie. Heidelberg: Winter 1989; Achim Hölter: Frühe Romantik – frühe Kompa­ratistik. Frankfurt a. M.: P. Lang 2001; Detlef Kremer: Die Prosa Ludwig Tiecks. Bielefeld: Aisthesis 2005; Robert Minder: Un poète romantique alle­mand. Ludwig Tieck (1773-1853). Paris 1936; Wolfgang Rath: Ludwig Tieck. Das vergessene Genie. Studien zu seinem Erzählwerk. Paderborn u.a.: Schöningh 1996; Klaus Rek: Das Dichterleben des Ludwig Tieck. Biographie. Berlin: UVA 1991; Wulf Segebrecht (Hg.): Ludwig Tieck. Darmstadt: WBG 1976 (WdF 386); Claudia Stockinger (Hg.): Ludwig Tieck. Leben, Werk, Wirkung. Berlin: de Gruyter 2011; Marianne Thalmann: Ludwig Tieck. Der romantische Weltmann aus Berlin. München: Lehnen 1955.

S: Schöne neue Dörfer – Über das Verschwinden und Wiederauferstehen des Ländlichen in Literatur und Film seit 1990 (Di 14-16)

Modul: Themen, Stoffe, Motive (MA, BA, LA)

Natürlich stellt die Stadt, zumal in ihrer Ausprägung als Metropole oder „global city“, noch immer ein für die Moderne kennzeichnendes Grundmodell des Zusammenlebens und der gesellschaftlichen Organisation dar; auch in ihrer Funktion als kulturelles Kraftwerk und vielfältig nutzbares Bild- und Zeichenreservoir. Zu beobachten ist dies nicht zuletzt in der Literatur seit dem 18. und im Film zur „großen Stadt“ seit dem Beginn des 20. Jahrhundert. Dem wird (erkennbar nicht nur in der Popularität der seit den 1960er Jahren von Marshall McLuhan aufgebrachten Formel vom „global village“) im Bild des Dorfes zugleich aber auch ein Gegenentwurf gegenübergestellt, der in seinen Grundzügen – u.a. nahe, personale Kommunikation, überschaubare Umwelt, Naturnähe und weitgehend unreglementierte Möglichkeiten zur jeweiligen Entfaltung und Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse – inzwischen auch zum Maßstab oder gar Leitbild des großstädtischen Zusammenleben, ja überhaupt zur Vorstellung einer „gelingender Gesellschaft“ geworden ist (wie sich bspw. auch anhand neuer kulturellen Praktiken wie dem urban gardening zeigt). De facto zeugt freilich die historische Realität der Dörfer in Europa über lange Zeit hinweg nicht nur von Armut und Abhängigkeit, sondern ebenso von einer hohen sozialen Kontrolldichte. Auch kann angesichts der vorherrschenden Not und Überlebenszwänge von einem „modernen“ emphatischen Naturverhältnis gar keine Rede sein. In diesem Sinne spiegeln sich im Verhältnis von Dorf und Stadt und entsprechend auch in den Ambivalenzen des Dorfes nicht nur die spezifischen und klärungsbedürftigen Fragen eines Lebens unter den zwiespältigen Bedingungen der Moderne. Dabei sind es gerade die kulturellen – seien es literarische, seien es filmische – Konstruktionen und Rekonstruktionen des Dorfes, die für die Thematisierung und Reflexion anachronistischer, unzeitgemäßer und ungleichzeitiger Entwicklungen und Erscheinungen im Europa nach der Zeitenwende von 1989/90 ein vielfältig ausdifferenziertes Bildinventar entwickelt haben, das über eine rein auf Erinnerung bezogene Archivfunktion weit hinausreicht. Wobei gerade geopoetische Ansätze nicht nur eine Reflexion auf herkömmliche Kartographien, sondern auch engagierte Entwürfe einer literarischen Neuvermessung des neuen alten Europas bieten, in denen die Frage nach dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie, Kapitalismus und Kommunismus, Ost und West in verschiedenen Varianten durchgespielt wird. Dabei scheint die literarische Neuschreibung und Neugestaltung des Ländlichen umso stärker hervorzutreten, je weniger sich dieses als reale Siedlungs- und Sozialform gegenüber den Tendenzen der Verstädterung bzw. der Egalisierung und Entdifferenzierung zu behaupten vermag: Die imaginative Wiederauferstehung des Dorfes mitsamt der damit einhergehenden neuen „Landlust“ geht einher mit dem Aussterben ganzer ruraler Landstriche. Den damit verbundenen Fragestellungen und Spuren wird das Seminar anhand von Filmen und Texten, die sich vornehmlich auf Dorfbilder in den zeitgenössischen deutschsprachigen und mittel- und osteuropäischen Literaturen beziehen, nachgehen. Texte u.a. von Andrzej Stasiuk, Olga Tokarska, Anna Bolecka, Artur Becker, Terézia Mora, Jonathan Safran Foer, Vladimir Sorokin, Peter Handke, Andreas Maier, Arnold Stadler, Moritz Rinke, Herta Müller, Juri Andruchowytsch; Filme von J. Kusz, E. Reitz und Béla Tarr.

Literaturhinweise: Stefan Beetz: Dörfer in Bewegung. Ein Jahrhundert sozialer Wandel und räumliche Mobilität in einer ostdeutschen ländlichen Region. Hamburg: Krämer 2004; Gunter Gebhard, Oliver Geisler, Steffen Schröter (Hg.): Heimat. Konturen und Konjunktu­ren eines umstrittenen Konzepts. Bielefeld: transcript 2007; Peter Laslett: Verlorene Lebenswelten. Geschichte der vorindustriellen Gesellschaft. Wien Köln Graz: Böhlau 1987; Magdalena Marszałek, Sylvia Sasse (Hg.): Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen. Berlin: Kadmos 2010; Katharina Raabe, Monika Sznajderman: Last and Lost. Ein Atlas des verschwindenden Eu­ropa. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2006; Roland Robertson: Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit. In: Ulrich Beck (Hg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998, S. 192-220; Thomas E. Schmidt: Heimat. Leichtigkeit und Last des Herkommens. Berlin: Aufbau 1999; Werner Troßbach: Dorf. In: Friedrich Jaeger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit Bd. 3. Stuttgart: Metzler 2005, Sp. 1087-1094; Christoph Türcke: Heimat. Eine Rehabilitierung. Springe: zu Klampen 2006; Rüdiger Wischenbart: Karparten. Die dunkle Seite Europas. Wien: Kremayr & Scheriau 1992.

Kolloq.: Moralistik und  Sozialkritik: Leo Löwenthal und Albert Salomon (Di 16-18)

Modul: Forschungskolloq., LAG

Im Zentrum des Forschungskolloquiums wird das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft stehen, wobei ein Zugang über die Moralistik eher in Richtung Kulturgeschichte bzw. anthropologischer Fragestellungen zielt, während über die Frage der Sozialkritik deutlicher Gesellschaftsbezüge und Aspekte spezifisch moderner, ja ggf. auch postmoderner Vergesellschaftung in den Blick genom­men werden können. Dazu weisen die Lebensläufe, Werkbiographien und Ar­beitsansätze Leo Löwenthals (1900-1993) und Albert Salomons (1891-1966) nicht nur bemerkenswerte Parallelen auf und bieten damit einen Zugang sowohl zur politischen Kultur und Bildungsgeschichte der deutschen Gesellschaft vor 1933 als auch zu einer ersten praxis- und handlungsbezogenen Phase sozialwis­senschaftlicher Forschung und Lehre in den Jahren nach 1918. Vielmehr sind es dann die Erfahrungen der nationalsozialistischen Herrschaft und ihrer Verbrechen, die Löwenthal und Salomon nicht nur zur Emigration und ins nordamerikanische Exil zwingen, sondern eine damit verbundenen Suche nach Erklärungen und Deutungsmög­lichkeiten, nach Alternativen und Gegenmitteln zu totalitärer Gewaltherrschaft und Massenmord, eine Art Bilanzierung der bisherigen Geschichte von Bildung und Kultur nahelegen. Während sich Salomon dazu an die Ausarbeitung eines an die humanistische Tradition anschließenden  skeptisch getönten und zugleich auf Freiheit und Gerechtigkeit zielenden Bildungsprogramms macht, für das er namentlich Literatur- und Geistesgeschichte heranzuziehen sucht, wendet sich Löwenthal der Analyse der Massenkultur und der Rekonstruktion eines spezifisch durch bürgerliche Literatur und eine daran entwickelte, darauf bezo­gene „kritische Theorie“ vermittelten Kultur- und Bildungs-Konzepts zu. Maß­geblich kommen für beide   Traditions- und Rückbezüge auf jüdische Überlieferun­gen und jüdische Erfahrung unter den Bedingungen eines modernen Rasse-Anti­semitismus hinzu.    Treten in Löwenthals Studien deutlicher soziale Prozesse (Markt­vermittlung, Warencharakter, Entfremdung) im Umgang mit Kunst und Kultur in den Blick, so heben Salomons Untersuchungen zur politischen Philosophie und zur Tradition humanistischer Gelehrsamkeit (von Erasmus über Goethe bis zu de Tocqueville und Max Weber) stärker die Rolle literarischer und anderer künstlerischer Gebilde hervor, wenn es darum geht, die Möglichkeiten eines reflexiv und selbstkritischen Subjekts unter den Bedingungen der Moderne zu bestimmen. Diesen Fragen wird im Kolloquium anhand einer gemeinsam mit den TeilnehmerInnen festzulegenden Textauswahl nachzugehen sein.

Zur Einführung: Leo Löwenthal: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiogra­phisches Gespräch mit Helmut Dubiel. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980; Albert Salomon: Im Schatten einer endlosen großen Zeit. In: Albert Salomon Werke Band 1. Hg. von Peter Gostmann und Gerhard Wagner. Wiesbaden: VS 2008, S. 13-29.

Werke: Albert Salomon: Werke. 5 Bde. Hg. von Peter Gostmann u. a. Wiesbaden: VS 2008 ff. [ Bde. I-III sind in der ULB als Online-Ressource vorhanden, Bde. IV/V sind noch nicht erschienen]. Leo Löwenthal: Schriften. Hg. von Helmut Dubiel. 5 Bde. Frankfurt a.M. Suhrkamp 1981.

Weitere Literatur: Soziologie in Deutschland und Österreich 1918-1945. Ma­terialien zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte. Hg. von M. Rainer Lepsius. Opladen: Westdeutscher Verlag 1981 (= KZSS Sonderheft 23/1981); Alvin Johnson: Pioneer’s Progress. An autobiography. Univ. of Ne­braska Press 1960; Martin Jay: Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923-1950. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1976; Claudius Härpfer: Humanismus als Lebensform. Albert Salomon und die Verklärung der Realität. Wiesbaden: VS 2009; Peter Gost­mann, Claudius Härpfer (Hg.): Verlassene Stufen der Reflexion. Albert Salomon und die Aufklärung der Soziologie. Wiesbaden: VS 2011; Hans Peter Balmer: Philosophie der menschlichen Dinge. Die europäische Moralistik. Bern Mün­chen: Francke 1981; Jürgen von Stackelberg: Französische Moralistik im euro­päischen Kontext. Darmstadt: WBG 1982.

Kolloquium für Doktoranden und Examenskandidaten: O. u. Z. n. V.

WS 2012/2013

VL: Die deutsche Literatur aus komparatistischer Perspektive II:

        Die Jahre 1959 bis 1989

       Mi 8-10

       Modul: IKEAS, Interkulturelle Deutschlandstudien

Die Vorlesung stellt die Fortsetzung des im vorausliegenden Sommersemester gehaltenen ersten Teils dar, kann aber auch ohne deren Vorlauf belegt werden. Im Rückblick auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts stellen die 1960er Jahre für die Gesellschaft, die Kultur und Literatur der beiden deutschen Staaten so etwas wie eine Phase der Konsolidierung, zugleich aber auch des Umbruchs und einer damit in Erscheinung tretenden fortschreitenden, auf Dauer gestellten Mo­dernisierung, auch Unruhe und teils erwünschter, teils erzwungener Reflexions­tätigkeit dar, auf die - unter den sich verändernden Rahmenbedingungen weiter­gehender Globalisierung - beide Systeme durchaus auch unterschiedlich reagie­ren: Planungsutopien und Kritik, Reformanstrengungen und Kräfte der Behar­rung, Individualisierung und neue Gruppenbildungen  stehen einander gegen­über und werden von den 1970er Jahren an zunehmend in die Kraftfelder be­schleunigten technischen, vor allem auch medialen Wandels, weitergehende Prozesse gesellschaftlicher Pluralisierung und Mobilität, auch wachsender An­sprüche auf eigenwillige Lebensführung, Erlebnisorientierung und Partizipati­onschancen einbezogen. Literatur nimmt an diesen Prozessen in Teil, nicht zu­letzt mit dem Anspruch verbunden, Stellungnahme und Kritik, Deutungsmuster und Gegenwelt-Entwürfe bieten zu können, die ihrerseits zwischen Affirmation und Kritiken oszillieren und zugleich in einem weltweit ausgerichteten „Nach­richten- und Handelsverkehr“ (Goethe) ein weiteres Gut, ein weiteres Produkt darstellen.

Deutlich absehbar, dass unter diesen Vorgaben, literarische Texte in übergrei­fenden Zusammenhängen erfasst werden müssen; diesen Versuch unternimmt die angezeigte Vorlesung.

Literatur zur Einführung: Volker Weidermann: Lichtjahre. Eine kurze Ge­schichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006; Peter J. Brenner: Neue deutsche Literaturgeschichte. Vom „Ackermann“ bis zu Günter Grass. Berlin New York: de Gruyter 32011; Dieter Hoffmann: Arbeitsbuch deutschsprachige Prosa seit 1945. 2 Bde. Tübingen: Narr Francke 2006; Otto Karl Werckmeister: Zitadellenkultur. Die schöne Kunst des Untergangs in der Kultur der achtziger Jahre. München Wien: Hanser 1989; Axel Schildt: Ankunft im Westen. Ein Essay zur Erfolgsgeschichte der Bundes­republik. Frankfurt a. M.: Fischer 1999; Werner Faulstich (Hg.): Kulturge­schichte des 20. Jahrhunderts. Die Kultur der sechziger Jahre. Paderborn: Fink 2003; Edgar Wolfrum: Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesre­publik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart: Klett-Cotta 2006; Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. München: dtv 2008; ders. (Hg.): Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Kultur der siebziger Jahre. Paderborn: Fink: 2004; ders. (Hg.): Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Kultur der achtziger Jahre. München: Fink 2005; Klaus Wa­genbach (Hg.): Lesebuch. Deutsche Literatur der sechziger Jahre. Berlin: Wa­genbach 1968; Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach (Hg.): Lesebuch. Deutsche Literatur der siebziger Jahre. Berlin: Wagenbach 1984

S: Lyrik und Erzählungen der europäischen und nordamerikanischen

    Romantik

   Modul: Kulturelle Diskurse

     Mi 10-12

Gegenüber Aufklärung und Realismus erscheint die – epochengeschichtlich – in der Regel dazwischen verortete Romantik, keineswegs nur eine „deutsche Af­färe“ (Rüdiger Safranski), zunächst als Versuch, der Gegenwart sich abzeich­nender moderner Gesellschaften durch eine Rekurs auf ältere Zeiten., phantasti­sche Verhältnisse und Innenwelten zu entkommen, als eine Form, Räume der Flucht, des Trost und ggf. der Revolte zu erschließen, die auf die Gewinnung von Autonomie und Unversehrtheit, auf Entgrenzung zielen und Funktionsent­lastung versprechen. Zugleich aber, so zeigt es die neuere Romantik-Forschung ebenso wie die Texte, stellen sie aber auch ein Feld der Reflexion, der Reaktion auf und der Konstruktion von Modernititätserfahrungen selbst dar, das im Rah­men der Seminararbeit an Texten von Jean Paul und E.,T.A. Hoffmann, Wil­helm Hauf, Ludwig Tieck und Clemens von Brentano, François-René de Cha­teaubriand, Auguste de Villiers de L’Isle-Adam, Washington Irving und Edgar Allen Poe nachgegangen werden soll.


Literatur zur Einführung: René Wellek: The Concept of Romanticism in Literary History. In: ders.:  Concepts of Criticism. New Haven London: Yale Up 1963, S. 128-98; Silvio Vietta: Die literarische Moderne. Eine problemge­schichtliche Darstellung der deutschsprachigen Literatur von Hölderlin bis Thomas Bernhard. Stuttgart: Metzler 1992; Hartmut Steinecke (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Deutsche Romantik im europäischen Kontext. Berlin: E. Schmidt 1993 (= E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 1); Cornelia Klinger: Flucht. Trost. Revolte. Die Moderne und ihre ästhetischen Gegenwelten. München Wien 1995; Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Aktualität der Romantik. München1999 (=Text und Kri­tik  143; VII/99); Helmut Schanze (Hg.): Romantik-Handbuch. Kröner 22003; Isaiah Berlin: Die Wurzeln der Romantik. Berlin: Berlin Verlag 2004;  Alexan­der von Bormann (Hg.): Ungleichzeitigkeiten der europäischen Romantik. Würzburg: Königshausen & Neumann 2006; Rüdiger Safranski. Romantik. Eine deutsche Affäre. München: Hanser 2007; Detlef Kremer: Romantik. Stuttgart Weimar: Metzler 32007; Bernd Auerochs, Dirk von Petersdorff (Hg.): Einheit der Romantik? Zur Transformation frühromantischer Konzepte im 19. Jahrhun­dert. Paderborn u. a.: Schöningh 2009;

S:  Hybridität und Diaspora im Schatten der Erinnerung. Literatur

     jüdischer, deutscher und türkischer Autoren am Ende des 20.

     Jahrhunderts

    Modul: Vertiefungsmodul: Literatur, Poetologie, Ästhetik

     Di 14-16

Natürlich ist schon die Reihung der im Untertitel aufgeführten Attribute schief und bezeichnet so auch bereits jene Fragwürdigkeit und jenen Problemzusam­menhang, die entstehen, wenn literarische Texte, Autoren, Themen und Stile über Kollektivbezeichnungen angesprochen werden und sich ggf. im Rückbezug auf diese erschließen lassen sollen. Ausgehend von einigen frühen Erzählungen von Philip Roth, die dieser in seinem Erzählband „Goodbye Columbus and five Short stories“ [1959]. New York: Vintage 1993 veröffentlicht hat, soll das Se­minar der Fragestellung des Umgangs mit historischer Erinnerung und individu­ellem Selbstverständnis anhand einiger Romane und Erzählungen nachgehen, um hieran zum einen die Bedeutung, die Möglichkeiten und Grenzen der Ge­staltung von Erinnerung und Identität in  literarischen Texten zu erkunden, zum anderen nach Gefährdungen durch rekursive Selbst-Legitimation, ideologische Überhöhung und funktionale Zurichtung zu fragen. In welchem Maße literari­sche Texte sich diesen Problemen stellen, sie ggf. auch lösen können, mag dann auch zu einer Diskussion über die Möglichkeiten literarischer Wertung und den „Nutzen“ der Literatur weitergeführt werden können. Historische Erfahrungen, individuelle und kollektive Deutungsmuster, übergreifende Narrationen und hybride Texte bilden hierzu ein Stoff- und Gestaltungsreservoir, dessen aktuelle Ausprägungen anhand einiger literarischer Texte (u. a. von Jonathan Safran Foer, Patrick Modiano, Zafer Şenozak, Orhan Pamuk, Doron Rabinovici und Shalom Auslander) erkundet werden sollen.

Literatur zur Einführung: Michael A. Meyer: Jüdische Identität in der Moderne. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag 1992; Gershon Shaked: Die Macht der Identi­tät. Essays über jüdische Schriftsteller. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag 1992; Leon Wieseltier: Against Identity. New York 1996; Mecheril, Paul: Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit. Müns­ter/New York/München/Berlin: Waxmann 2003; Geoffrey Hartman: Das be­redte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000; Anthony D. Kauders: Unmögliche Heimat. Eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesre­publik. München: DVA 2007; Y. Michal Bodemann, Gökçe Yurdakul, : Deut­sche Türken, jüdische Narrative und Frem­denangst: Strategien der Anerken­nung. In: Islamfeindlichkeit. Wenn die Gren­zen der Kritik verschwimmen. Hrsg. von Thorsten Gerald Schneiders. Wiesba­den: VS Verlag für Sozialwissenschaf­ten 2009, S. 209-237; Y. Michal Bodemann, Micha Brumlik (Hg.): Juden in Deutschland – Deutschland in den Juden. Göttingen: Wallstein 2010; Terkessidis, Mark: Vertretung, Darstellung, Vorstellung. Der Kampf der Mi­granten um Repräsentation. In Transversal. Cultura migrans 10, 2000. Zit. http://eipcp.net/diskurs/d02/text/terkessidis01.html    [Zugriff am 08.01.2011].

FKolloq: Arbeitsansätze der Komparatistik

     Di 16-18

    Modul: Theorie, Arbeitsfelder, Geschichte der AVL

Wenn auch nicht unumstritten gültig, bilden doch die im 19. Jahrhundert bereits aufgestellten Ansprüche an ein wissenschaftliches Selbstverständnis: ein eigener Gegenstand, eine entsprechende Fragestellung und eine dazugehörige Metho­dik/Methodologie auch heute noch ein Bezugsfeld, das zur Konstitution und Re­flexion eines wissenschaftsbezogenen Arbeitens herangezogen werden kann. In diesem Zusammenhang stellen „Arbeitsansätze“ so etwas wie Schreibtische, Werkbänke, ggf. auch Fabrikhallen oder Laboratorien dar, auf bzw. in denen Fragestellungen erarbeitet und mit Bezug auf bestimmte Instrumente und The­menfelder und Stoffe ausgearbeitet bzw. bearbeitet werden können. Im Rahmen des Seminars sollen bekannte und neuere Ansätze vorgestellt und anhand eines ebenso bekannten wie immer wieder aufgenommen Textcorpus: Homers „Illias“ und „Odyssee“ in ihren Möglichkeiten erkundet werden; die Spannweite des Bogens reicht dabei von der Mittelmeerwelt der frühen (europäischen) Antike bis hin karibischen Inselwelt Derek Walcotts und Édouard Glissants.

Literaturhinweise: Marius-François Guyard: La Littérature Comparée. Paris: Presses Universitaires de France 1951; Ulrich Weisstein: Einführung in die Ver­gleichende Literaturwissenschaft. Stuttgart u.a.: Kohlhammer 1968; Gerhard Ziegengeist: Aktuelle Probleme der vergleichenden Literaturforschung. Berlin: Akademie 1968; Hans Norbert Fügen (Hg.): Vergleichende Literaturwissen­schaft. Düsseldorf Wien: Econ 1973; Gerhard R. Kaiser: Einführung in die ver­gleichende Literaturwissenschaft. Darmstadt: WBG 1980; Manfred Schmeling (Hg.): Vergleichende Literaturwissenschaft. Theorie und Praxis. Wiesbaden: Athenaion 1981; Hugo Dyserinck: Komparatistik. Eine Einführung. Bonn: Bou­vier 1981; Ernst Grabovszki: Methoden und Modelle der deutschen, französi­schen und amerikanischen Sozialgeschichte als Herausforderung für die Ver­gleichende Literaturwissenschaft. Amsterdam New York: Rodopi 2002; Peter V. Zima: Komparatistik. Einführung in die Vergleichende Literaturwissenschaft. Tübingen: Francke 1992; Angelika Corbineau-Hoffmann: Einführung in die Komparatistik. Berlin: E. Schmidt 22004; David Damrosch: Teaching World Literature. New York: Modern Language Association of America 2009.

SomS 2012

VL: Die deutsche Literatur 1945-1959 aus komparatistischer Perspektive

       Mi 8-10

Module: Literarische und Kulturelle Diskurse; Themen, Stoffe und Motive; In­terkulturelle Deutschlandstudien

Nach der Nazi-Barbarei stellte sich die kulturelle Situation des Jahres 1945 si­cherlich für viele zunächst als Leerstelle dar, die, wenn überhaupt, nur im Rück­bezug auf die literarischen und geistigen Strömungen und Entwicklungen des Auslandes wieder gefüllt werden konnte. Anderseits, und dies ist v. a. durch die Forschung der letzten Jahrzehnte noch einmal deutlicher geworden, gab es ne­ben dem Bruch auch Kontinuitäten, sei es auf der Suche nach Anknüpfungs­möglichkeiten in der älteren deutschen Literatur, die dabei als Teil eines ge­meinsamen europäischen Erbes, das sich bis in die Antike zurückverfolgen ließ und darüber hinaus noch in spezifisch christlicher Tönung gesehen werden konnte, sei es dass auf die unmittelbareren Anschlüsse an die Zeit zwischen Weltkriegen, die europäischen Avantgardebewegungen oder auch die „große“ realistische Literatur des 19. Jahrhunderts  Bezug genommen wurde.

Die Vorlesung bietet eine Einführung in die europäische Literaturgeschichte nach 1945, innerhalb deren dann der Entwicklung der deutschsprachigen Lite­ratur in besonderes Augenmerk zukommt, nicht zuletzt dadurch, dass die deut­sche Nachkriegsliteratur im Laufe der Jahre auch erneut außerhalb Deutschlands Beachtung fand.

Literatur zur Einführung: Volker Weidermann: Lichtjahre. Eine kurze Ge­schichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006; Peter J. Brenner: Neue deutsche Literaturgeschichte. Vom „Ackermann“ bis zu Günter Grass. Berlin New York: de Gruyter 32011; Dieter Hoffmann: Arbeitsbuch deutschsprachige Prosa seit 1945. 2 Bde. Tübingen: Narr Francke 2006; Helmut Böttiger u. a.: Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland. 2 Bde. Göttingen: Wallstein 2009;  Klaus Wagenbach (Hg.): Lesebuch. Deutsche Literatur zwischen 1945 und 1959. Berlin: Wagen­bach 1980; Carsten Gansel (Hg.): Gedächtnis und Literatur in den ‚geschlosse­nen Gesellschaften‘ des Real-Sozialismus zwischen 1945 und 1989. Göttingen: V & R Unipress 2007; Carsten Gansel, Paweł Zimniak (Hg.): Reden und Schweigen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Fallstudien. Wrocław Dresden: Neisse 2006.

S: Wielands Antike-Rezeption

     Mi 10-12

Module: Rezeption, Transfer, Translation

Christoph Martin Wieland (1733-1813) stand lange Zeit und mitunter noch im­mer im Schatten der zeitgenössischen Weimarer Klassik, zu der er schließlich nicht nur auch gehörte, sondern zu deren Profil „als Klassik“ er gerade durch seine Vertrautheit mit der griechisch-römischen Antike wesentlich beitrug. Zu­dem war er von Beruf „Prinzen-Erzieher“, im Zeitalter der Französischen Re­volution sicherlich zum einen ein anachronistisches Betätigungsfeld, dem aber zum anderen gerade in der deutschen Literatur und Bildungsdiskussion damals und auch später noch erhebliche Erwartungen entgegen gebracht wurden. Wel­che Rolle dabei der Rückbezug auf antike Literaturen, Autoren und Lebensmo­delle gespielt hat und in welchem Sinne sich von Wieland aus Anschlüsse auch kritische Positionen im Blick auf aktuelle Werte- und Bildungsdiskussionen be­stimmen lassen, wird im Mittelpunkt des Seminars stehen. Neben einigen seiner kleineren Arbeiten, die im Arbeitsprogramm spezifiziert werden, das zu Semes­terbeginn vorliegt, und einem Blick auf den Übersetzter Wieland werden mit den Romanen bzw. Romanfragmenten „Die Abderiten“ (1774-1780), „Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus“ (1791) und „Aristipp und ei­nige seiner Zeitgenossen“ (1800/1801) die drei neben dem „Agathon“ wichtigs­ten Prosawerke aus Wielands Antike-Rezeption zur Sprache kommen. Natürlich werden in diesem Zusammenhang auch allgemeinere Fragend der Rezeptions-, Übersetzungs- und Transferforschung eine Rolle spielen.

Literatur zur Einführung: Michael Zaremba: Christoph Martin Wieland. Aufklä­rer und Poet. Eine Biographie. Köln Weimar Wien: Böhlau 2007; Cornelius Sommer: Christoph Martin Wieland. Stuttgart: Slg. Metzler 1971; Friedrich Sengle: Wieland. Stuttgart: Metzler 1949; Thomas Höhle (Hg.): Wieland-Kollo­quium (Halberstadt 1983). Halle 1985; Christoph MartinWieland und die An­tike. Eine Aufsatzsammlung. Stendal 1986 (Beiträge der Winckelmann-Gesell­schaft 14); Sven-Aage Jørgensen u.a.: Wieland. Epoche – Werk – Wirkung. München: Beck 1994; Klaus Schaefer: Christoph Martin Wieland. Stuttgart: Slg. Metzler 1996; Volker Riedel: Antikerezeption in der deutschen Literatur vom Renais­sance-Humanismus bis zur Gegenwart. Eine Einführung. Stuttgart Weimar: Metzler 2000; Jutta Heinz (Hg.): Wieland Handbuch. Leben – Werk- Wirkung. Stuttgart Weimar: Metzler 2008

S: Spiegelungen des Totalitären in literarischen Texten aus der Mitte des

    20.Jahrhunderts

    Di 14-16

Modul: Kulturelle Diskurse; Interkulturelle Deutschlandstudien

Sicherlich haben die Erfahrung und Analyse jener massenhaften, auf Massen­vernichtung ausgehenden Gewalt, wie sie von der nationalsozialistischen Herr­schaft einerseits, dem Stalinismus andererseits in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hunderts ausgingen, nicht nur die Theorie und die Vorstellungskraft des einzel­nen Menschen bei weitem überfordert. Sowohl für die Zeitgenossen als auch noch lange Zeit für die späteren stellte sich die Frage, ob sich hier eine Seite des Menschlichen zeige, die bislang von Schüben der Zivilisierung nicht nur ver­deckt und überformt wurde, sondern in welchem Maße sich gerade die mit der Zivilisierung verbundenen Fortschritte der Technik, der Kommunikations- und Rationalisierungsformen, nicht zuletzt die Möglichkeiten der Menschenführung, der Manipulation und Verführung zu Verrat und Massenmord auch dazu nutzen lassen könnten, einen „neuen Menschen“, nun freilich als „Instrument für alles“ zu schaffen. In diesem Sinne treffen in der Beschreibung totalitärer Gewalt Ele­mente der Utopie, Heilserwartungen und maßlose Zwangsvorstellungen, mit solchen der Kritik und Reflexion unmittelbar aufeinander und es nimmt nicht wunder, dass sich neben Ansatzpunkten theoretischer Erkenntnis eine Fülle von literarisch künstlerischen Versuchen findet, die drauf zielen diese Erfahrung aufzunehmen, zu deuten und zu vermitteln, ein Versuch, der freilich angesichts der mit diesen Erfahrungen in den Blick tretenden Monstrosität der Handlungen, Ereignisse und Zielvorgaben auch die Integrität des literarischen Werkes anzu­fressen vermag, zumindest dazu zwingt, auch diese in Frage zu stellen, nach ent­sprechenden Formen zu suchen. Angesichts der Fülle der hier zu vorhandenen Werke, kann das Seminar nur eine kleine Auswahl bieten, deren genauere Be­stimmung mit den TeilnehmerInnen des Seminars noch festzulegen ist. Zur Auswahl stehen dabei Artur Koestler: Sonnenfinsternis (Darkness at Noon, 1940), Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean (1961), Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz (U nas w Auschwitzu, 1946), Czesław Miłosz: Verführtes Denken (Zniewolony umysl, 1953), Aleksander Wat: Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert (Mȯj wiek, 1977)  und George Orwell; Anmal Farm (1945); auch werden wir uns mit dem Film „Die Sonne, die uns täuscht“ (Burnt by the Sun) von Nikita Sergejewitsch Michalkow (1994) beschäftigen.


Literatur zur Einführung: Arthur Koestler u. a.: Ein Gott, der keiner war [1950]. München: dtv 1962; Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Amsterdam 1947; Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft [1951]. München 1986,

Eric Hoffer: Der Fanatiker. Eine Pathologie des Parteigängers [1951]. Hamburg Rowohlt 1965; Herbert J. Spiro, Totalitarianism, in: International Encyclopedia of the Social Sciences, hrsg. von David L. Sills. Vol. 16, Glencoe Ill.: The Free Press 1968, S. 107-113; Leonard B. Shapiro, Totalitarismus, in: Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine verglei­chende Enzyklopädie Bd. VI, Frei­burg Basel Wien: Herder 1972, Sp. 465-490; Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager. Frankfurt a. M.: Fischer 1993; Wolfgang Wippermann, Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt: Primus 1997.

Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburg: Hamburger Edition 2008; Orlando Figes: Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland. Berlin: Berlin Verlag 2008; Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau. München Wien: Hanser 1937.

Forschungskolloquium: „Zwischenweltenschreiben“. Literatur und Migra­tion II (mit Prof. Dr. Angela Richter)

Di 16-18 Dachritzstraße R 213

(Modul: Forschungskolloquium)

Das Kolloquium nimmt den Faden aus dem Sommersemester 2011 wieder auf, setzt aber die Teilnahme am ersten Kolloquium nicht voraus. Diesmal stehen literarische Texte, Filme und andere künstlerische Ausarbeitungen des Themas im Zentrum der Arbeit. Eine genaue Liste der zur Sprache kommenden Texte wird in der ersten Sitzung des Kolloquiums mit den TeilnehmerInnen festgelegt und wie immer, bei einem Forschungskolloquium besonders, sind dazu Vor­schläge seitens der Studierenden willkommen. Ausgangspunkt soll die frühe Textsammlung von Christian Schaffernicht (Hg). Zuhause in der Fremde. Ein bundesdeutsches Ausländer-Lesebuch. Fischerhude: Verlag Atelier im Bauern­haus 1981 sein; ferner werden Gary Shteyngart: The Russian Debutant’s Hand­book (2002; dt. 2003), Zafer Senocak: Gefährliche Verwandtschaft. Roman. München: Babel 1998 und Aleksandar Hemon: Nowhere Man. München: Knaus 2003 zur Lektüre vorgeschlagen.

Literatur zur Einführung: Ottmar Ette: ÜberLebenswissen 1: Die Aufgaben der Philologie. Berlin: Kadmos 2004; ders.: ÜberLebenswissen 2: ZwischenWel­tenSchreiben. Literaturen ohne festen Wohnsitz. Berlin: Kadmos 2005; Projekt Migration. Kölnischer Kunstverein. Köln: DuMont 2005; Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Literatur und Migration. München: Edition Text und Kritik. 2006; Hel­mut Schmitz (Hg.): Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkultu­relle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Amsterdam: Rodopi 2009; Immacolata Amodeo, Heidrun Hörner (Hg.): Zu Hause in der Welt : Topografien einer grenzüberschreitenden Literatur, Sulz­bach/Ts.: Helmer 2010.

Kolloquium für Examenskandidaten und Doktoranden: O. u. Z. n. V.

Sprechstunde in der Vorlesungszeit: Mi 12-13

Zum Seitenanfang